Das Armreliquiar der Heiligen Elisabeth

1. Das Reliquiar

Das etwa 50 cm hohe Reliquiar besitzt einen ausgehöhlten Holzkern, auf dem dünnes SilberblechFragment der Elle der heiligen Elisabeth getrieben wurde. Dieses ist ziseliert und vergoldet. Der Steinschmuck besteht überwiegend aus Achat. Im Inneren wird ein großes Fragment der Elle der heiligen Elisabeth aufbewahrt. Es kann als gesichert gelten, dass der Armknochen auch tatsächlich von der ehemaligen Landgräfin von Thüringen stammt. Auf der Rückseite ist eine kleine Tür zum Betrachten der Reliquie vorgetäuscht worden. Es handelt sich um eine westdeutsche Handwerkskunst, die etwa im Jahr 1240 gefertigt wurde.

Fragment der Elle der heiligen ElisabethDas Armreliquiar stammt aus dem Schatz des Prämonstratenserinnen-Klosters Altenberg bei Wetzlar, dem die 1227 geborene Tochter der Heiligen Elisabeth, Gertrud, schon seit frühester Jugend bis zu ihrem Tod im Jahr1297 angehörte und dem sie seit 1248 als Äbtissin vorstand. Möglicherweise kam die Reliquie bald nach der Erhebung und Translation der Gebeine der hl. Elisabeth, die ein Jahr nach ihrer Kanonisation in Anwesenheit Kaiser Friedrichs II. im Jahre 1236 in Marburg (Lahn) erfolgte, nach Altenberg.

1546 wird das Armreliquiar noch in einem Inventar der Kleinodien der Elisabethkirche aufgeführt. 1655 wird es im Inventar des Stiftes Altenberg an der Lahn genannt. Dort wurde die 1227 geborene zweite Tochter der Heiligen Elisabeth, Gertrud, erzogen und 1248 zur Meisterin gewählt. Nach der Säkularisierung schenkte 1803 die letzte Meisterin das Reliquiar dem Grafen Boos von Waldeck, dem Burgherrn auf Sayn, dessen Enkel es 1833 an die Fürstenfamilie von Wittgenstein gab. Seitdem befindet sich das Reliquiar im Besitz der fürstlichen Familie zu Sayn-Wittgenstein-Sayn.

Der Reliquienarm mit segnend ausgestreckter Rechten hat einen verhältnismäßig kurzen und weiten Das Armreliquiar der Heiligen ElisabethOberärmel und einen entsprechend längeren Unterärmel. Den Oberärmel überzieht rundum ein getriebenes, regelmäßiges Rautenmuster mit Blättern und vierteiligen Blüten alternierend in Reihen. Den Saum wie die untere Abschlussborte schmückt lockeres Schneckenfiligran mit Steinbesatz. Wohl erst später hinzugefügt sind die hochgefassten, größeren Edelsteine in Krallenfassungen. Schmalere und einfachere Filigranstreifen mit Steinbesatz umziehen den Saum und die senkrechte Borte des glatten Unterärmels und rahmen auch an dessen Vorderseite die von einer dünnen Achatplatte fensterartig ver-schlossene Reliquienöffnung.

Im Gegensatz zu anderen Armreliquiaren der 1. Hälfte des 13. Jh. hat der ungewöhnlich lange Unterärmel keine Fältelung, sondern ist, gleich einer eng anliegenden Manschette, glatt belassen, was die dichte Musterung des Oberärmels stärker zur Wirkung kommen lässt. Der Oberärmel schließt oben waagerecht ab und nicht, wie sonst üblich, schräg, zudem weist er auch keine senkrechte Borte auf, wie sonst üblich. Vielleicht sind diese Unterschiede damit zu erklären, dass hier ein Frauengewand wiedergegeben werden sollte.

Weder das Filigran noch die getriebene Ornamentik lassen eine nähere Beziehung zum Schrein der Heiligen Elisabeth in der Marburger Elisabethkirche erkennen, wie gelegentlich angenommen wurde. Das sehr dünnfädige, sich vom Grund lösende und spiralig gewundene Filigran an den Borten des Oberärmels hat seine Voraussetzung eher in solchem Filigran, wie es am Dreikönigenschrein im Kölner Dom, überwiegend an dessen rückwärtiger Schmalseite, und teilweise auch am Marienschrein im Dom zu Aachen auftritt. Für das getriebene Rautenmuster findet sich in der gleichzeitigen Goldschmiedekunst keine direkte Entsprechung. Flächenfüllende Rautenmuster treten zwar gelegentlich auch am Armreliquiaren auf, vor allem aber an den großen Reliquienschreinen des 12. und der I. Hälfte des 13. Jh., dort als Hintergrund von Figuren.

2. Die Verbindung der Heiligen Elisabeth von Thüringen zum Fürstenhaus zu Sayn-Wittgenstein-Sayn

Schon zu Lebzeiten der Großen Heiligen (1207–1231) bestanden enge Beziehungen zu dem Sayner Grafenpaar Heinrich III. (um 1193–1247) und Gräfin Mechthild von Landsberg (um 1203–1285). Mechthilds Mutter Jutta von Thüringen war eine direkte Kusine von Elisabeths Mann, dem Landgrafen Ludwig IV. von Thüringen. Da Mechthilds Vater bereits 1207 verstarb, verbrachte sie wohl einen Teil ihrer Kindheit am Thüringer Hof, wo auch die etwa gleich alte Königstochter Elisabeth von Ungarn seit ihrem 4. Lebensjahr als Verlobte von Ludwig lebte.

Als Mechthild bereits um 1215 Heinrich III. von Sayn heiratete, brachte sie das umfangreiche thüringische Erbe am Rhein mit in die Ehe. Elisabeth wird ihre Verwandten in Sayn mehrfach besucht haben. Als sie ihr drittes Kind erwartete, bestimmte sie, dass, sollte es ein Sohn werden, er in das neben Sayn liegende Kloster Rommersdorf aufzunehmen sei. 1218/19 begleitete Heinrich III.

Elisabeths Vater, König Andreas von Ungarn, bei dem Kreuzzug nach Ägypten. Nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes geriet die 20-jährige Elisabeth zusehends unter den Einfluss ihres Beichtvaters Konrad von Marburg. Mit oftmals grausamer Strenge zwang er sie zum Verlassen ihrer drei Kinder und zu absolutem Gehorsam. Ihre tiefe Frömmigkeit und Selbstaufgabe führte auch zu unlösbaren Konflikten mit der Familie ihres Mannes. Es liegt nahe, dass sie mit ihren Kindern bei Heinrich und Mechthild in Sayn Schutz und Zuflucht suchte. mittelalterliches Reliquiar der Heiligen Elisabeth von Thüringen

Das mag den tödlichen Konflikt zwischen Konrad von Marburg und Heinrich von Sayn erklären. Der päpstliche Inquisitor klagte Heinrich III. von Sayn, einen der mächtigen Herrscher der damaligen Zeit, ohne erkennbaren Grund der Ketzerei an, was einem Todesurteil gleichkam. Erst auf Intervention von Papst und König wurde Heinrich freigesprochen. Konrad bezahlte dafür mit seinem Leben. Er wurde 1233 von Heinrichs Mannen erschlagen.

Als Heinrich in der Silvesternacht 1246/47 in Sayn starb, ging nicht nur seiner Gemahlin Mechthild, sondern auch Elisabeths Kindern ein wichtiger Beschützer verloren. Daher stellte Papst Innozenz IV. 1249 in zwei gleich lautenden und am gleichen Tag verfassten Urkunden sowohl Mechthild als auch Elisabeths Tochter Sophie von Brabant unter seinen persönlichen Schutz.

Das beeindruckendste Zeugnis der engen verwandt- und freundschaftlichen Beziehungen zur Heiligen Elisabeth von Thüringen und ihren Kindern findet man in der um 1300 von dem rheinischen Dichter Zilies von Seine aufgeschriebenen Totenklage auf Heinrich von Sayn, in der 21 adelige Damen den Tod dieses großen Mannes beklagen - darunter auch an 4. Stelle Sophie von Brabant, die älteste Tochter der Heiligen. Sie wird hier nicht nur als "von Seyn" bezeichnet, sie selbst nennt sogar Heinrich von Sayn ihren „Vater“:

"Sophia von Seyn, hertzogynne zu Brabantt: O herr Gott, der mich geschoiff, erhor myns hertzen yamers roiff, hy lygt de lebe vader myn, erbarme dich gott over de sele syn."

Im Hochdeutschen: Sophie von Sayn, Herzogin zu Brabant: Oh Herrgott, der mich geschaffen, erhör meines Herzens Jammerruf, hier liegt der liebe Vater mein, erbarme dich, Gott, der Seele sein.

Mechthild fand ihre letzte Ruhestätte in dem von ihr gegründeten Kloster Seyne (Sion) in Köln. Sophie von Brabant ruht in dem Kloster Villers la Ville bei Lüttich, dessen Abt zu Anfang des 13. Jahrhunderts Karl von Sayn war, vermutlich ein Onkel Heinrichs III.

In den Jahren 1860/61 errichtete der Koblenzer Architekt Hermann Nebel im Auftrag von Fürst Ludwig und Fürstin Leonilla zu Sayn-Wittgenstein-Sayn im Anschluss an das wenige Jahre zuvor fertig gestellte Residenzschloss in Sayn eine Kapelle zur Aufbewahrung der kostbaren Armreliquie der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Nach dem Vorbild der Sainte Chapelle wurde eine Doppelkapelle im gotischen Stil errichtet, mit unten liegender Grabkapelle des Fürstenhauses.

Bei dem Kauf des Schlossgebäudes wenige Jahre zuvor erhielt Fürstin Leonilla als direkte Nachfahrin der Heiligen Elisabeth vom damaligen Besitzer Graf Boos-Waldeck den in einem mittelalterlichen Reliquiar gefassten Unterarmknochen der Heiligen zum Geschenk. Das Reliquiar war im Auftrag von Elisabeths Tochter, der Äbtissin Gertrud von Altenberg, angefertigt worden und bis zur Säkularisation der Klostergüter von Altenberg dort aufbewahrt. Die letzte Äbtissin des in protestantische Hände fallenden Klosters brachte die kostbare Reliquie 1803 zur Obhut zu ihrer Boos’schen Verwandtschaft nach Sayn.

Fürstenhaus von Sayn-Wittgenstein-SaynDie Fenster der Kapelle sind nach Entwürfen von Moritz von Schwind gefertigt. Die gusseiserne Chorschranke ist ein Werk der Sayner Hütte. Der in polychromer neogotischer Rautenmalerei gestaltete Kirchenraum mit seinen textilen Wandbehängen lädt zu Hochzeitsfeiern ein. Der "Goldene Altar" der Schlosskapelle wurde in Paris als Schrein zur Aufbewahrung des wertvollen mittelalterlichen Reliquiars der Hl. Elisabeth von Thüringen, einer direkten Vorfahrin des Sayner Fürstenhauses hergestellt. In der Altarmensa finden sich Emaillerosetten mit Abbildungen des Hl. Wladimir aus der Familie der Fürstin Leonilla (links) und der Seligen Äbtissin Jutta von Sponheim aus dem Sayner Fürstenhaus. Die mittlere Rosette ging verloren. Sie zeigte Gertrud, die Tochter der Hl. Elisabeth, als Äbtissin von Altenberg, das wertvolle Reliquiar in den Händen haltend.

Literatur, Quellen und Texte nach:

E. Kubach, F. Michel u. H. Schnitzler. Kdm. Landkreis Koblenz, Düsseldorf 1944, 320 f. – Kat. Art Sacré Rhénan, Dijon 1963, Nr. 42.

Reiner Haussherr, In: Katalog Die Zeit der Staufer, Geschichte-Kunst-Kultur, Katalog der Ausstellung Band I, 570, Abb. 375, 439-440

Armreliquiar der heiligen Elisabeth In: Katalog Die Zeit der Staufer, Geschichte-Kunst-Kultur, Katalog der Ausstellung Band I, 570, Abb. 375, 439-440

Sonstige Quellen: Homepage der fürstlichen Familie von Sayn-Wittgenstein-Sayn und andere

http://www.sayn.de

http://de.wikipedia.org/wiki/Sayn-Wittgenstein-Sayn

http://www.abtei-sayn.de

Fotos: Runneburgverein Weißensee / Thür. e.V., Thomas Stolle

Hinweis: Die Fotos dieser Seite entstanden am 01.06.2006 im Schloss Sayn, während der Altar- bzw. Kapellenweihe und der Rückkehr des Armreliquiars in die Schlosskapelle von Sayn!

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