Elisabeth `s Literatur

Hilmar Schwarz, Die heilige Elisabeth in ihrem geschichtlichen Umfeld, November 2006

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Wartburgstiftung in Eisenach.

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Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung
1. Die Herkunft Elisabeths und die Überbringung nach Thüringen
1. 1. Zum Namen Elisabeth
1. 2. Die Ungarn
1. 3. Die unmittelbaren Verwandten Elisabeths
1. 4. Die politische Situation um 1210
1. 5. Die Reise nach Thüringen
1. 6. Die thüringischen Gesandten
2. Die Kindheit Elisabeths in Thüringen
2. 1. Der Verlobte und die Eingewöhnung in Thüringen
2. 2. Kriegsfolgen und Armut in Thüringen
2. 3. Todesfälle und Eisenacher Katharinenkloster
2. 4. Die Wartburg und der thüringische Landgrafenhof unter Hermann I.
2. 5. Frühe religiöse Ambitionen und die Legende von der Kronablegung
2. 6. Die ersten Regierungsjahre Ludwigs IV.
3. Die Ehejahre Elisabeths
3. 1. Die Vermählung und die Hochzeitsreise nach Ungarn
3. 2. Die Kinder
3. 3. Die Dienerin Isentrud von Hörselgau
3. 4. Die Stellung Elisabeths als Landgräfin
3. 5. Die Bestrebungen zu Armenhilfe und Armutshaltung
3. 6. Das Mantel und das Kreuzwunder sowie die eheliche Treue Ludwigs
3. 7. Die Wartburg als Hauptburg Elisabeths und das Hospital in Gotha
3. 8. Die ersten Franziskaner in Thüringen
3. 9. Die hl. Elisabeth und Burg und Stadt Weißensee
3. 10. Die Unterstellung Elisabeths unter Konrad von Marburg
3. 11. Die Hungersnot und Elisabeths Getreideverteilung
3. 12. Das Hospital unterhalb der Wartburg und das Rosenwunder
3. 13. Der Aufbruch Ludwigs IV. zum Kreuzzug
3. 14. Die Begleiter Ludwigs IV. zum Kreuzzug 1227
3. 15. Der Tod Ludwigs IV.
4. Vom Tod des Gatten bis Übersiedlung nach Marburg
4. 1. Elisabeths Aufenthalt in Eisenach
4. 2. Die Bedeutung Eisenachs zur Zeit Elisabeths
4. 3. Der Aufenthalt in Bamberg und Pottenstein – Heiratsabsichten
4. 4. Die Einigung mit den Ludowingern
5. Die letzten drei Lebensjahre in Marburg
5. 1. Der angebliche Aufenthalt 1228 in Wehrda
5. 2. Die Gebäude des Marburger Hospitals und Elisabeths Gewandnahme
5. 3. Die Marburger Klostergemeinschaft
5. 4. Almosenvergabe und Krankenpflege in Marburg
5. 5. Das Schicksal von Elisabeths Tochter Gertrud und das Kloster Altenberg
5. 6. Konrad von Marburg
5. 7. Der Tod Elisabeths
6. 1. Die Bemühungen um die Heiligsprechung
6. 2. Heiligsprechung und Erhebung der Gebeine
7. Die Reliquien der hl. Elisabeth
8. Elisabethreliquien in Eisenach und auf der Wartburg
9. Äußerungen Martin Luthers über die hl. Elisabeth
Weiterführendes Schrifttum (Auswahl)

Vorbemerkung

Über die heilige Elisabeth, die ungarische Prinzessin und thüringische Landgräfin, sind bereits viele Bücher geschrieben worden. Fast unüberschaubar ist die Menge der wissenschaftlichen Artikel und Abhandlungen. Warum nun noch ein Buch über Elisabeth?

Zunächst verwundert es nicht, dass über eine Person, die derartige Bekanntheit genoss und weit verbreitet Verehrung auf sich zog, immer wieder geschrieben wurde. Und das wird sicher auch in Zukunft so bleiben. An der Erinnerung ist wohltuend, dass Elisabeth durch Werke des Friedens bekannter wurde als eine überzahlreiche Schar stolzer Krieger und Eroberer, die durch Krieg ewigen Ruhm erstrebten. Im Jahre des 800. Geburtstags Elisabeths, die 1207 wahrscheinlich im ungarischen Sarospatak zur Welt kam, wird der Heiligen vor allem in Thüringen mit Ausstellungen und Schriften gedacht, wozu hiermit ein Beitrag geleistet sei.

Das eigentliche Anliegen des Buches besteht aber darin, Forschungsergebnisse in eine Veröffentlichung einfließen zu lassen und einem breiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Ganz bewusst wird der Schwerpunkt auf thüringische Lokalitäten gelegt. Weiterhin soll versucht werden, Zeugnisse aus Elisabeths Lebenszeit von der späteren, mehrhundertjährigen Ausformung der Elisabethlegende zu unterscheiden, auch wenn dies nur in Ansätzen durchgehalten werden kann. Die ältere Elisabethliteratur wie auch die ins belletristische gehenden Elisabethbiographien schildern Jahrhunderte später entstandene Episoden, als ob sie von Elisabeth tatsächlich erlebt worden wären, so z. B. das berühmte Rosenwunder. Sehr anspruchsvolle Beiträge beziehen sich vor allem auf Elisabeths Marburger Zeit und weniger auf Thüringen.

Der Hauptteil der Ausführungen basiert natürlich nicht auf eigenen Forschungen, sondern auf der Arbeit ganzer Generationen von Historikern (vgl. weiterführendes Schrifttum am Schluss des Buches). Von den älteren seien Karl Wenck (1854-1926) und von den zeitgenössischen Matthias Werner hervorgehoben. Der Ehrgeiz besteht nicht darin, den gesamten Lebensweg Elisabeths in allen Einzelheiten nachzuzeichnen. Vielmehr sollen punktuell bestimmte Probleme und Fragestellungen aufgezeigt und besprochen werden.

In zentraler Lage Thüringens und ludowingischer Besitzungen führte der Weg des thüringischen Landgrafenhofs sicher wesentlich häufiger über Weißensee, als Urkunden und Chroniken überliefern. Die Burg mit ihrem reich ausgestatteten Palas bot ein würdiges Architekturensemble für landgräfliche Repräsentation, wie für einen böhmischen Königssohn und thüringische Grafen und Ministeriale durch eine Urkunde von 1225 verbürgt ist.

Des Weiteren begegnete Elisabeth aus Weißensee stammenden Personen. Der langjährige Kanzler des Landgrafenhofs, der als tugendhafter Schreiber durch den bekannten Sängerkrieg in Sage und Literatur verewigt ist, war einer von Weißensee. An ihrem Hauptort Eisenach erregte ein franziskanischer Prediger namens Hermann von Weißensee 1225 Aufsehen, den Elisabeth wahrscheinlich erlebt oder von dem sie mindestens gehört hat. Burg und Stadt Weißensee können sich zu Recht als Elisabeth-Orte reklamieren, obwohl kein zeitgenössischer schriftlicher Nachweis ihre Anwesenheit direkt belegt.

1. Die Herkunft Elisabeths und die Überbringung nach Thüringen

Der Sage nach kam einst der Schwarzkünstler und Sterndeuter Klingsor zum Hofe des thüringischen Landgrafen, um im Streit der Sänger ein Urteil zu fällen. Die Nacht vor seinem Auftritt verbrachte er im Hause des Eisenacher Bürgers Hellgraf. Als die Dunkelheit hereingebrochen war, schaute er aufmerksam in die Sterne und sprach auf die drängende Frage, was er erkennen kann: "Ihr sollt wissen, dass in dieser Nacht dem König von Ungarn eine Tochter geboren wird, die Elisabeth genannt und eine Heilige werden wird. Sie wird dem Sohne dieses Fürsten [des Landgrafen von Thüringen] als Ehefrau angetragen. Über die Verkündung ihrer Heiligkeit wird sich das ganze Land glücklich preisen und stolz sein."

Die wenigen Zeilen enthalten viele Sachverhalte, die besonders für Sagenforscher sehr interessant sind. So wird ganz nebenbei dem Sängerkrieg auf der Wartburg ein fassbares Datum zugewiesen, da Elisabeths Geburtsjahr 1207 bekannt ist. Der Schwarzkünstler Klingsor, der nach bisheriger Dichtung in Italien beheimatet war, wird nach Siebenbürgen verpflanzt. Siebenbürgen galt damals in Deutschland als geheimnisvolles Wunderland. Andererseits hatte der ungarische König, der Landesherr, im 12. Jahrhundert deutsche Siedler herbeigerufen, deren Nachfahren als "Siebenbürger Sachsen" bekannt geworden sind.

Elisabeths Heiligsprechung von 1235 hatte offenbar bereits stattgefunden, als die Sage entstand. Überliefert ist Klingors Sterndeutung erstmals um 1290 bei Dietrich von Apolda. Die Worte, "ich sehe einen leuchtenden Stern über Ungarn", mit denen das Elisabethmosaik auf der Wartburg beginnt, wurden erstmals in einer Leidensgeschichte (Passional) aus dem 14. Jahrhundert vorangestellt. Ansonsten besticht die treffende Skizzierung wesentlicher Lebensstationen Elisabeths.

Besonders wichtig ist der Hinweis auf ihre Heiligkeit. Das Mittelalter brachte eine Reihe von Frauengestalten hervor, die heilig gesprochen und vom Volke verehrt wurden. Doch kaum eine andere Frau fand in Deutschland, Böhmen und Ungarn vergleichbare Wertschätzung wie Elisabeth, die Gattin des thüringischen Landgrafen Ludwig IV(...)

1. 1. Zum Namen Elisabeth

Das Wort "Elisabeth" (ungarisch "Erzsébet") stammt nicht aus germanischer oder ungarischer Wurzel, sondern aus hebräischer und damit frühchristlicher Tradition. Diesen Namen trägt in der biblischen Überlieferung die Mutter Johannes des Täufers. Caesarius von Heisterbach wies ausdrücklich auf sie in seiner Elisabethbiographie hin. Sie besitzt nicht die gleiche Bedeutung wie die Mutter oder die Großmutter von Jesus, Maria und Anna, weshalb der Name Elisabeth bis Anfang des 13. Jahrhunderts in Mitteleuropa wenig verbreitet war. Das änderte sich fast schlagartig. Vielleicht war er aus irgendeinem anderen Grund zu einem plötzlichen Modenamen geworden, doch wahrscheinlich hatte die schnelle Berühmtheit der ungarischen Königstochter seine Popularität beeinflusst.

Die Ludowinger, das Geschlecht der thüringischen Landgrafen, gaben ihren Töchtern und Söhnen fast durchweg germanische Namen, die zudem meist an ältere Familienmitglieder erinnerten. Wahrscheinlich waren die Árpáden (die ungarische Königsdynastie) stärker als deutsche Fürsten motiviert, an christliches Namensgut anzuknüpfen, um ihre sprachliche Isolation zu durchbrechen. Eine Schwester des Großvaters Bela III. hieß Elisabeth, doch ob sie als Namenspatronin fungierte, ist schwer zu sagen.

Elisabeths Name beeinflusste später die Art ihrer Verehrung, weshalb ein Vorgriff auf die Zeit nach ihrer Heiligsprechung sinnvoll ist. Ihr Wirken wurde mit den Werken der christlichen Barmherzigkeit in eine besonders enge Verbindung gebracht. Schon in den Glasfenstern der Marburger Elisabethkirche (Mitte 13. Jahrhundert) ist sie in sechs Barmherzigkeitsszenen zu sehen. Zahlreiche mittelalterliche Bildnisse zeigen sie in ähnlichem Zusammenhang(..)

1. 2. Die Ungarn

Obwohl sie meist als "Elisabeth von Thüringen" bezeichnet wird, war sie keine geborene Thüringerin. Im heutigen Sprachgebrauch würde sie sogar als "Ausländerin" gelten, da sie aus Ungarn stammte. Die Ungarn, selbst nannten sie sich "Magyaren", kamen ursprünglich aus dem Wolgagebiet und drangen im 9. Jahrhundert in den Raum zwischen Donau und Theiß ein. Da sie ein Reitervolk waren, verfügten sie über ein sehr bewegliches und schlagkräftiges Heer und noch lange Zeit über eine Schicht von Hirten-Bauern. Als eingewanderte Völkerschaft bewahrten sie ihre Sprache, die zur finno-ugrischen Sprachgruppe und nicht zum Indogermanischen gehört. Inmitten eines von slawischen, romanischen und germanischen – alles indogermanischen - Sprachen und Dialekten geprägten Raumes nahmen sie eine Sonderstellung ein. Finnen und Esten, deren Sprachen ebenfalls zum Finno-ugrischen zählen, kann man nicht gerade als Nachbarn bezeichnen.

Um ihre Sprache durchsetzen zu können, müssen die Ungarn zahlreich und von einer stabilen Gesellschaftsstruktur gewesen sein; ungewöhnlich für dieses Gebiet, denn bei ihren Nachbarn verlief die Entwicklung ganz anders. Bei den slawischen Völkern der Böhmen (Tschechen), Slowaken oder Serbokroaten dominierte allen Völkerstürmen zum Trotz das einheimische Element. Ähnlich war es bei den Rumänen und Moldawiern, bei denen die starke Romanisierung aus der Römerzeit nachwirkte und eine große romanische Sprachinsel erhalten blieb. Die Bulgaren sprechen ein stark dem Russischen ähnelndes Slawisch. Den bulgarischen Staat hatte allerdings eine Bevölkerungsgruppe errichtet, die zunächst herrschte, dann jedoch von den Einheimischen aufgesogen und kulturell überlagert wurde. Wie die Ungarn wohnte sie einst im südrussischnordkaukasischen Raum und hatte einen finno-ugrischen Dialekt mitgeführt.

Den Ungarn war eine politische oder kulturelle Isolierung fremd. Sie besaßen enge Verbindungen nach Deutschland, wo ihre Kriegszüge durch die bekannte Schlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg 955 gestoppt worden waren. Ihre Westorientierung zeigt sich in ihrer Kirchenorganisation, die auf Rom gerichtet war, während sich Serben, Bulgaren oder Russen Konstantinopel zuwandten.

Elisabeths Vater war der König Andreas II. aus dem Hause der Árpáden. Die Königsdynastie führte sich auf Árpád - deshalb "Árpáden" - zurück, der um 900 die ungarischen Stämme vereinigt hatte. Die Árpáden stellten bis 1301 die Könige des Landes. Um die Jahrtausendwende begründet Stephan der Heilige (István, regierte 997 bis 1038) das Königtum. Nach ihm heißt die Königskrone des Landes "Stephanskrone", die nach einem wechselvollen Schicksal erst 1978 aus den USA nach Budapest zurückkehrte.

Um das Christentum und die mittelalterliche Ordnung durchzusetzen, bedurfte es sich über Jahrhunderte hinziehender Kämpfe. Besonders heftiger Widerstand war in den so genannten "Heidenaufständen" von 1046 bis 1061 zu brechen, in denen der Bischof Gellért (vgl. "Gellertberg") vom Felsen gestürzt wurde. Unter König Ladislaus (1077-1195) wurde er 1083 heilig gesprochen. Im gleichen Jahr wurde auch der 1031 verstorbene Sohn Stephans, Emmerich (Imre), zum Heiligen erklärt. König Stephan erfuhr im Jahre 1087 gleiches. König Ladislaus, der ihre Heiligsprechung betrieben hatte, sollte bereits 1098 und damit schon drei Jahre nach seinem Tode folgen(..)

1. 3. Die unmittelbaren Verwandten Elisabeths

Durch eine gezielte Heiratspolitik erweiterte Andreas II. Macht und Einfluss. Er vermählte sich mit Gertrud, einer energischen und machtbewussten Frau. Ihre Familie, das Haus Andechs-Meran, hatte in den westlichen Alpenländern umfangreiche Besitzungen erworben. Gertruds Geschwister besetzten wichtige weltliche und geistliche Positionen. Einige beeinflussten Elisabeths Lebensweg, weshalb im folgenden auf sie eingegangen wird.

Der älteste Bruder Otto (gestorben 1234) blieb die einflussreichste Person unter allen Geschwistern. Als Herzog von Meranien gehörte er zu den Reichsfürsten. Meranien bezeichnete eine Landschaft oberhalb der Halbinsel Istrien, ein Großteil des heutigen Sloweniens. Seit 1180 besaß die Familie das Herzogtum, das zusammen mit dem oberbayerischen Stammschloss Andechs die Familienbezeichnung Andechs-Meran bildete. Otto wurde auch nicht wegen des Mordes an König Philipp (1208) belangt, sondern konnte die Stauferin Beatrix heiraten und dadurch Pfalzgraf von Burgund werden. Er wechselte jeweils auf die Seite des stärksten Thronanwärters und nahm sowohl 1209 an der Kaiserkrönung Ottos IV. als auch 1215 an der Königskrönung Friedrichs II. teil. Im Jahre 1224 vermittelte er zwischen Elisabeths Gatten Ludwig IV. und dessen Schwester beim Streit um die Markgrafschaft Meißen.

Mit dem Tod seines Sohnes Otto im Jahre 1248 endete das einst so mächtige Herzogshaus in der männlichen Linie, womit ein ernsthafter Rivale für die Wittelsbacher in Bayern ausgelöscht war. Heinrich, der zweitgeborene Bruder Gertruds, erhielt zwar den Titel eines Markgrafen von Istrien, doch verlor er infolge der Beschuldigungen nach dem Königsmord von 1208 seine Markgrafschaft. Den Rest seines Lebens über versuchte er, seine übrigen Besitzungen zurückzuerhalten, und als ihm dies zum Teil gelungen war, starb er 1228.

Zwei weitere Brüder, Eckbert und Berthold, schlugen geistliche Laufbahnen ein und erhielten hohe Kirchenämter. Nachgeborene Fürstensöhne gelangten auf diese Weise zu einer standesgemäßen Position, die ihnen das Erbrecht sonst versagte. Eckbert war von 1203 bis 1237 Bischof von Bamberg. In seiner langen Amtszeit wurde der überwiegend romanische, aber bereits ins Gotische übergehende Bamberger Dom errichtet. Im Leben Elisabeths wird er uns häufiger als alle anderen Andechs-Meraner begegnen.

Berthold, der jüngste Bruder, hing in jungen Jahren stark von seiner Schwester Gertrud ab, die ihn im Alter von nur 25 Jahren zum Erzbischof von Kalosca (im mittleren Südungarn) wählen ließ. Daraufhin studierte er im italienischen Vicenza, und nach seiner Rückkehr schien sich seine Karriere in Ungarn erfolgreich fortzusetzen, doch nach der Ermordung Gertruds (1213) musste er außer Landes flüchten. Im Jahre 1218 ernannte ihn der Papst zum Patriarchen von Aquileja. Bis zu seinem Tode 1251 nahm er den wohl wichtigsten Posten in der Westkirche nach dem Papst ein. Wahrscheinlich durch Patriarch Berthold gelangte der wertvolle "Elisabethpsalter", ein reich bebildertes Gebetbuch, nach Oberitalien. Er gehört heute zum Bestand des Archäologischen Nationalmuseums von Cividale, in dessen Mauern Berthold residierte.

Wie bei den Brüdern trennten sich die Wege auch bei den Schwestern: Einschließlich der zweitgeborenen Gertrud gingen die drei ersten einen weltlichen und die jüngste einen geistlichen Lebensweg. Agnes (Maria), die älteste, starb bereits sechs Jahre (1201) vor Elisabeths Geburt. Ihr Gatte, immerhin der französische König Philipp II. August, hatte vorher seine zweite Gemahlin Ingeborg von Dänemark verstoßen. Papst Innozenz III. pochte auf das Scheidungsverbot und erkannte die Heirat von Agnes mit dem König von 1196 nicht an.

Hedwig, die dritte der Schwestern, erreichte als Landesheilige von Schlesien fast eine ähnliche Bekanntheit wie ihre Nichte Elisabeth. An sie erinnert z. B. in Berlin die St.-Hedwigs-Kathedrale (neben der Staatsoper). Sie wurde mit dem schlesisch-polnischen Herzogssohn Heinrich I. (dem Bärtigen) verheiratet; nach unglaubwürdiger Überlieferung im kindlichen Alter von zwölf Jahren. Ihr Gatte trat 1201 die Herrschaft an, vergrößerte sein Herzogtum zuungunsten Polens und holte deutsche Kultur und Siedler ins Land. Schlesien erlebte einige Jahrzehnte lang eine kurze Blütezeit. Zu den Klöstern, die während seiner Regierung gegründet wurden, zählte auch jenes Trebnitz, wo er nach seinem Tod 1238 bestattet wurde. Zu Hedwigs legendenhafter Verklärung trug wesentlich bei, dass sie nach sechs geborenen Kindern ihren Gatten überredet haben soll, den Rest des Lebens in keuscher Ehe zu verbringen(..)

1. 4. Die politische Situation um 1210

Um die Zusammenhänge der Heiratsvermittlung 1210/11 zu verstehen, muss man sich in das politische Geschehen jener Jahre hineinversetzen. Den Mittelpunkt Europas bildete das Heilige Römische Reich, das Deutschland und Italien verband. Seit vielen Jahrzehnten kämpften die Fürstengeschlechter der Staufer und der Welfen um die Vorherrschaft, wobei die Staufer sich zumeist auf dem Königsthron behaupten konnten. Gerade schien sich der Staufer Philipp von Schwaben gegen seinen Widersacher, den Welfen Otto IV., behaupten zu können. Die meisten deutschen Fürsten standen freiwillig oder nach Unterwerfung auf Seiten Philipps, und eine Verständigung mit dem Papst war eigentlich schon besiegelt.

Ein wichtiger Schritt zur Machtsicherung sollte die Heirat von Philipps Nichte Beatrix mit dem Familienoberhaupt der mächtigen Fürsten von Andechs-Meran sein, dem Herzog Otto VII. von Meranien, einem Bruder von Elisabeths Mutter Gertrud. Die Zukunft des Fürstenhauses schien in den hellsten Farben, als der tiefe Sturz folgen sollte, der zum Niedergang des Hauses führte und vier Jahrzehnte später die Meraner völlig von der politischen Bühne verschwinden ließ.

Die Hochzeit fand in Bamberg statt, wo der Bruder des Bräutigams den Bischofsstuhl besetzte. Jener Bischof Eckbert griff später ins Leben Elisabeths mehrmals ein. In seinem Bischofspalast hielt sich am 21. Juni 1208 König Philipp auf, als er von dem Pfalzgrafen Otto von Wittelsbach, den er für seinen Vertrauten hielt, mit dem Schwert erschlagen wurde. Otto soll ein Hitzkopf und über ein nicht gehaltenes Heiratsversprechen wütend gewesen sein. Tatsächlich hatte König Philipp 1203 dem Wittelsbacher seine Tochter Kunigunde versprochen, dann widerrufen und sie 1207 mit dem böhmischen Königssohn Wenzel verlobt. Die Umstände der Mordtat und historische Belege sprechen allerdings weniger für eine Affekthandlung und sehr für kühle Berechnung.

Der Mörder konnte jedoch nicht mehr befragt werden, da er ein Dreivierteljahr später bei seiner Verhaftung vom königlichen Marschall erschlagen wurde. Nach seinen Mittätern und der Interessenlage zu urteilen, war er aber nur die Speerspitze einer Fürstenverschwörung, die anstelle Philipps einen eigenen Favoriten auf den Thron setzen wollte. Der Plan scheiterte schnell am entschlossenen Handeln der Reichsdienstmannschaft. Eine Heiratsanbahnung mit der ältesten Tochter des ermordeten Königs und die Unterstützung durch den Papst klärte die Lage zugunsten des bisherigen Gegenkönigs, des Welfen Otto IV. Der thüringische Landgraf Hermann I., zunächst auf Seiten der Verschwörer, bekam rechtzeitig die Kurve und schloss sich bereits einen Monat nach dem Mord dem welfischen König an.

Die beiden Andechs-Meranier Bischof Eckbert von Bamberg und Markgraf Heinrich von Istrien wurden auf einem Hoftag im November 1208 als Beihelfer Ottos von Wittelsbach geächtet. Sie flohen und fanden am ungarischen Königshof bei ihrer Schwester Gertrud Unterschlupf, bei Elisabeths Mutter. Mit dem Verlust von Reichlehen und Ämtern erlitt die Machtstellung der Andechs-Meranier jenen entscheidenden Schlag, von dem sie sich trotz einiger Rehabilitierungen nicht wieder entscheidend erholen konnten.

In den Jahren nach dem Bamberger Mord versuchten Reichsfürsten ein Bündnis gegen den zu mächtig gewordenen König Otto IV. zu schließen. Der Welfe wollte nach seiner Kaiserkrönung von 1209 das süditalienische Königreich an sich bringen, weshalb Papst Innocenz III. ihn in den Kirchenbann tat und die Fürstenopposition unterstützte. Auf seine Empfehlung hin trafen sich Mitte des Jahres 1211 der Mainzer Erzbischof Siegfried II., der böhmische König Ottokar I. Przemysl, der thüringische Landgraf Hermann I. und einige weitere Fürsten in Bamberg. In der Hauptsache handelte es sich offenbar um ein antiwelfisches Verschwörertreffen, auch wenn die Teilnehmer es als Gerichtsverfahren ausgaben. Sie entschieden, dass Eckbert zu Unrecht mit dem Königsmord in Verbindung gebracht wurde und sein Bischofsamt wieder ausüben sollte.

Das Heiratsversprechen zwischen dem ungarischen Königshof und dem thüringischen Landgrafen war Teil des diplomatischen Machtkampfes. Die verbündeten Fürsten versuchten, sich des mächtigen Königs zu versichern, während dieser seinerseits an engen Beziehungen zu dem einflussreichen Landgrafen interessiert war. Das ungarische Königshaus interessierte die Verbindung zu der Territorialmacht in der Mitte Deutschlands nicht nur aus der kurzfristigen Situation heraus. Bereits unter dem Großonkel von Andreas - dem ungarischen König Ladislaus II. - hatte es 1161 die Absicht gegeben, eine ungarische Königstochter mit einem Sohn des thüringischen Landgrafen zu vermählen.

Schon im 11. Jahrhundert hatte eine Heiratsverbindung zwischen einer ungarischen Königstochter und dem alten thüringischen Grafenhaus von Weimar-Orlamünde bestanden. Das politische Zusammenrücken von Thüringen und Ungarn hing sicherlich auch damit zusammen, dass der ungarische König in dem bewussten Jahr 1211 dem Deutschen Orden einen Landesteil, das Burzenland, zuwies. Bei der Gründung des Ordens als Spitalbruderschaft 1190 vor Akkon (1198 Umwandlung in einen geistlichen Ritterorden) war Landgraf Hermann I. selbst zugegen gewesen. Er förderte den Ritterorden, der in Thüringen eine seiner wichtigsten Basen aufbauen konnte. Seit 1209 stand an seiner Spitze der Hochmeister Hermann von Salza, dessen Heimatort (Langen)Salza im unmittelbaren Einflussbereich des thüringischen Landgrafen lag(..)

1. 5. Die Reise nach Thüringen

Elisabeths Reise nach Thüringen schildert der um 1290 schreibende Dietrich von Apolda in wenigen Sätzen: Als sie vier Jahre alt war, schickte Landgraf Hermann I. edle Gesandte beiderlei Geschlechts nach Ungarn. Angeführt wurden sie von Meinhard von Mühlberg, Walther von Varila (Vargula) und Bertha von Bendeleben. Sie reisten in großer Schar und mit wertvollem Gerät. Die Fürsten und anderen Magnaten, durch deren Länder und Grenzen sie zogen, empfingen sie auf Hin- und Rückreise mit großer Hochachtung. Schließlich gelangten sie zu der stark befestigten Königsburg Preßburg. Sie trafen auf König Andreas und dessen Gattin.

Auf der Wartburg zeigt eines der Mosaikbilder in der Elisabethkemenate die thüringischen Gesandten vor dem Königspaar. Wie die anderen ungarischen Könige hätte Andreas II. eigentlich die Stephanskrone tragen müssen. Im Mosaik hat man sich jedoch nicht an der ungarischen Königskrone, sondern an byzantinischen Kaiserkronen orientiert, wobei die Geschlechterrollen vertauscht worden sind. Die flachere Krone der Gattin erinnert an das Machtzeichen der byzantinischen Kaiser, während dem König Andreas der Schmuck der Kaiserinnen auf dem Kopf sitzt.

Nachdem die thüringischen Boten ihr Anliegen erreicht hatten, brachen sie mit der kleinen Prinzessin zum Rückweg auf. Ein solcher Brautschatz war bis dahin in Thüringen noch nicht gesehen worden. Die Heimkehrer wurden ehrenvoll empfangen.

Dietrich beschreibt den Zug nach Ungarn und zurück im allgemeinen ziemlich knapp; nur bei der Brautbeigabe für die ungarische Prinzessin wird er ausführlicher. Sie war in Gold, Silber und Seidenstoffe eingehüllt und besaß eine silberne Wiege. Mitgenommen nach Thüringen wurden verschiedene große Gold- und Silbergefäße, kostbare Diademe, Schmuckstücke, Ringe und Halsbänder und vielerlei Kleidung, eine silberne Badewanne, Bettzeug, Bekleidungsstücke aus Seide, Purpurdecken und seidene Wandverkleidungen mit unzähligem Kirchengerät und Kostbarkeiten. Zu allem wurde noch eine Summe Geld von 1000 Mark Silber übernommen.

Wer heutzutage die Wartburg betritt, wird im vorderen Burghof den weißen Tauben begegnen, die vor der Vogtei ihren Schlag haben. Die wenigsten Besucher wissen, dass eine sagenhafte Überlieferung der Burg zu diesem Brauch verhalf. Die Tauben sollen in Elisabeths Besitz aus Ungarn eingeführt worden und auf der Landgrafenburg heimisch geworden sein.

Geschichtsschreiber der Zeiten nach Dietrich von Apolda haben die Fahrt nach Ungarn ausgeschmückt und um etliche Fakten erweitert. Beispielsweise konnte ein anonymer Elisabethbiograph am Anfang des 14. Jahrhunderts den Hinweg folgendermaßen umreißen: Die Gesandtschaft zog durch das meißnische Land, durch Böhmen und die Steiermark zur ungarischen Hauptstadt Ofen. "Ofen" ist ein alter deutscher Name für Buda, den westlichen Teil des heutigen Budapest. Von Mähren nach Buda über die Steiermark zu reisen, hätte einen beträchtlichen Umweg bedeutet und zeugt wohl lediglich von der Unkenntnis des Verfassers über die geographischen Verhältnisse.

Über die Anzahl der Personen und Wagen werden in verschiedenen Werken unterschiedliche Angaben gemacht. Auf die drei schon von Dietrich von Apolda genannten Anführer der thüringischen Gesandtschaft Meinhard von Mühlberg, Walther von Vargula und Bertha von Bendeleben wird noch einzugehen sein. Johannes Rothe gibt den beiden Männern noch zwölf Mannen ohne namentliche Angaben zur Seite, während Bertha von zwei ehrbaren alten Rittern und drei Jungfrauen begleitet wurde. Mit 30 Mann und vier Wagen sollen sie zum Schloss Preßburg in Ungarn gezogen sein. Das steht in Rothes thüringischer Weltchronik von etwa 1420. Fast zur gleichen Zeit schrieb er eine gereimte Elisabethbiographie, nach welcher die Gesandtschaft mit lediglich zwei Wagen angekommen sei, mit 13 dann aber zurückgefahren.

Von den Ungarn, die auf dem Rückweg sich angeschlossen hatten, nannte Hermann von Fritzlar zwischen 1343 und 1349 eine Amme für Elisabeth und 13 Jungfrauen. Die Amme hat man in der Frau eines ungarischen Grafen Bertold sehen wollen. Nach einer Urkunde von 1230 hielt sich das Grafenpaar auf Geheiß des Königs Andreas II. ein Jahr lang in Thüringen bei Elisabeth auf. Wie vieles ist die Vermutung sehr vage, auch wenn der einjährige Aufenthalt als Eingewöhnungszeit für die kleine Prinzessin gedacht werden kann.

Eine weitere ungarische Urkunde von angeblich 1244 erwähnt, dass einst Farkas (ungarisch für "Wolf") und Daniel Elisabeth zu ihrer Verlobung nach Thüringen begleitet hatten. Da die Verlobung unmittelbar nach der Ankunft am thüringischen Landgrafenhof vollzogen wurde, müssen sie zur Reisegesellschaft des Jahres 1211 gehört haben. Dass Farkas mit dem gleichnamigen königlichungarischen Vizekanzler der Jahre 1262 bis 1268 identisch war, ist wegen des Zeitabstandes unwahrscheinlich(..)

1. 6. Die thüringischen Gesandten

Von der vielköpfigen thüringischen Gesandtschaft nach Ungarn treten drei Personen aus der sonst herrschenden Anonymität heraus: Graf Meinhard von Mühlberg, der Edle Walther von Vargula und die Witwe Bertha von Bendeleben. Bei Dietrich von Apolda werden ihre Namen erstmals genannt und von einzelnen Schreibern des 14. und 15. Jahrhunderts wiederholt. In den folgenden Jahrhunderten ist man dem immer wieder gefolgt, und auch die neuere Elisabethliteratur, soweit sie auf jene Begleiter Elisabeths eingeht, nimmt diese Fakten als gegeben hin. Nähere Angaben zu ihren Lebensläufen fehlen bisher und sollen im folgenden ansatzweise gemacht werden.

Anhand der Urkunden lässt sich in etwa prüfen, ob Meinhard, Walther und Bertha zur fraglichen Zeit - um 1210 - im Umkreis des Landgrafenhofes zu finden sind, ob Dietrich von Apolda wahrheitsgetreu berichtet hat oder ob er späteren Erzählungen aufsaß. Dabei gewinnt man den Eindruck, dass diese Personengruppe - zumindest die beiden Männer - eher in die Zeit Ludwigs IV. (1217-1227) als in der Regierungsperiode seines Vaters Hermann I. zuzuordnen ist.

Meinhard (Meinher, Meginher) von Mühlberg hatte seinen Stammsitz auf der Mühlburg, einer der sog. "Drei Gleichen" westlich von Erfurt. Etwa 1130 gelangte die Burg in das Eigentum der Erzbischöfe von Mainz, die sie als Lehen an Meinhards Familie gaben. Jener Meinhard aus der Zeit Elisabeths kann als Lehnsmann des Erzbistums ausgemacht werden, da er ihm nachweislich Zins liefern musste.

In den zeitgenössischen Quellen erscheinen nacheinander zwei verschiedene Meinhards. Der erste wurde 1197/98 letztmals bezeugt, der zweite tauchte 1222 erstmals auf. Beim zweiten Meinhard haben wir es sicher mit jenem zu tun, der Elisabeth aus Ungarn geholt haben soll. Jedoch erscheint er erst über ein Jahrzehnt nach Elisabeths Ankunft von 1211 am Landgrafenhof. Erst bei Ludwig IV. gehörte er zum engsten Umkreis des Landgrafen. Im Sommer 1226 begleitete er den Landgrafen auf der Italienreise zu Kaiser Friedrich II. Im folgenden Jahr gehörte er zu den thüringischen Kreuzfahrern, die unter Ludwig IV. gen Süden zogen.

In landgräflichen Urkunden jener Jahre erschien Meinhard von Mühlberg in der Reihenfolge der Teilnehmer, die eine Rangfolge bedeutet, hinter den bedeutendsten Thüringer Grafen wie denen von Schwarzburg, Käfernburg oder Gleichen, aber noch vor anderen Standesgenossen. Innerhalb der thüringischen Grafenhierarchie nahm er also einen Mittelplatz ein und gehörte im Gefolge des Landgrafen sicher zu den wichtigen Leuten.

Nach dem Tode seines Landesherrn behielt er offenbar einigen Einfluss, denn 1231 weilte er in Ravenna bei Kaiser Friedrich II. Im folgenden Jahr befand er sich immer noch oder erneut in Italien am Hofe der Staufer, u. zw. in Aquileja bei Friedrich II. und vor "Chividatum" (vielleicht Padua) bei dessen Sohn Heinrich (VII.). Nachdem er am 1. November 1235 einen Erfurter Bürger namens Legatus gefangen genommen hatte, wurde er zunächst vom Erfurter Stadtherrn, dem Mainzer Erzbischof Siegfried III., und danach sogar vom Kaiser Friedrich II. geächtet(..)

2. Die Kindheit Elisabeths in Thüringen

Das Jahrzehnt von Elisabeths Ankunft bis zu ihrer Heirat (1211 bis 1221) kann man als ihre Kindheit in Thüringen bezeichnen. Eine Jugend im heutigen Sinne hat sie bei einem Hochzeitsalter von 13 oder 14 Jahren und mit anschließender ersten Mutterschaft nicht erlebt(..)

2. 1. Der Verlobte und die Eingewöhnung in Thüringen

Wenn man Dietrich von Apolda und den auf ihm fußenden Schreibern glauben kann, wurde sie unmittelbar nach ihrer Ankunft mit dem Bräutigam verlobt. Auf einem Bild im Lübecker Heilig-Geist-Hospital, das um 1420/30 gemalt wurde, steht hinter dem Verlobungspaar eine Wiege. Dem Maler war offenbar die Nachricht von Elisabeths silberner Wiege aus dem Brautschatz ans Ohr gedrungen, worauf er die Wiege als Sinnbild von Elisabeths kindlichem Alter in die Bildkomposition einfügte.

Die Mosaiken auf der Wartburg, die nach Zuarbeit des Kunsthistorikers Georg Voß und Entwürfen August Oetkens von 1902 bis 1906 an die Wände der Elisabethkemenate aufgetragen wurden, zeigen die Verlobungsszene ebenfalls mit der Wiege, doch stehen die Verlobten nicht davor, sondern liegen darin. Diese Zeremonie findet sich in der Elisabethliteratur vom 14. bis zum 18. Jahrhundert immer wieder beschrieben, wenn die Heirat von Ludwig IV. und Elisabeth erwähnt wird: Sie hätten "Beilager gehalten", o. ä. Zum mittelalterlichen Heiratsvorgang gehörte nicht nur die geistliche Trauung vor dem Altar, sondern auch eine Art weltliche Handlung, bei der die beiden Gatten nebeneinander auf eine Schlafstätte gelegt wurden, - der Symbolwert dürfte klar sein. Diese weltliche Heiratszeremonie ist im Wartburgmosaik auf die Verlobung bezogen worden.

In der Elisabethüberlieferung galt lange Zeit der spätere Ehemann Ludwig unwidersprochen auch als der Verlobte des Jahres 1211. Obwohl Dietrich von Apolda und seine Nachfolger es nicht ausdrücklich sagten, gingen die Beschreibungen davon aus, dass Elisabeth dem erstgeborenen Landgrafensohn zugedacht war, bei dem es sich um niemand anders als um Ludwig handeln konnte. Im 19. Jahrhundert glaubte man, diese Version korrigieren zu müssen. Eine Urkunde aus dem Jahre 1216 nennt die Söhne Landgraf Hermanns I. in der Reihenfolge Hermann, Ludwig und Heinrich Raspe. Da in mittelalterlichen Urkunden die Reihenfolge gleichzeitig eine Rangfolge bedeutet und der Erstgeborene einen höheren Rang als seine nachgeborenen Brüder hatte, zog man den Schluss, der 1216 verstorbene Hermann sei vor Ludwig zur Welt gekommen und folglich der Bräutigam von 1211.

Da Ludwig und Elisabeth noch in ihren Ehejahren sich mit "Bruder" und "Schwester" anredeten, sollen sie die Anrede ihrer Kindheit beibehalten haben, als sie nicht wie zukünftige Gatten, sondern wie Schwager und Schwägerin lebten. Doch dürfte die Jahrhunderte alte Überlieferung zutreffen, dass Ludwig älter als Hermann und von Anfang an der Bräutigam war. Alle chronikalischen Nachrichten stimmen darin überein. Vor allem jene kleine Schrift über den Ursprung der thüringischen Landgrafen, die im Hauptteil um 1180 niedergeschrieben und dann bis zum letzten Ludowinger fortgesetzt wurde, dürfte aus zeitgenössischer Sicht berichtet haben. Sie beginnt die Aufzählung der Söhne Hermanns I. mit Ludwig. Der Biograph Ludwigs, der Kaplan Berthold, setzte ebenfalls Ludwig vor Hermann. Die vereinzelte Voranstellung Hermann steht in einer hessischen Urkunde, und Hermann dürfte als zukünftiger Administrator Hessens nach von gerückt sein.

Am Sohn Ludwigs IV. wiederum wird klar, dass bei den Ludowingern der Brauch herrschte, den eigenen Sohn nach seinem Großvater zu nennen. Deshalb erhielt der einzige und damit älteste Sohn von Ludwig IV. und Elisabeth den Namen Hermann. Der Großvater von Ludwig IV. war Ludwig der Eiserne, der zweite Landgraf aus ludowingischer Dynastie, der dem Erstgeborenen seinen Namen gab.

Die Motive für Elisabeths starke Religiosität sind nicht zuletzt in ihrer Kindheit gesucht worden. Dieser Denkansatz trifft sicher teilweise zu, jedoch litt sie offensichtlich unter einem nicht - unter Einsamkeit. Zunächst dürfte feststehen, dass sie nicht die kleine Ungarin in fremdem Land war, die niemand verstand. Ihre Mutter stammte schließlich aus einem deutschen Fürstenhaus. Am ungarischen Königshof und in Elisabeths unmittelbarer Umgebung lebten nicht wenige Deutsche. Der Graf Bertold und die Harfenspielerin Alheit trugen deutsche Namen und dürften zu jenen gehören. Die kleine Prinzessin wird mit Sicherheit am Hofe ihrer Eltern mindestens zweisprachig aufgewachsen sein. Allerdings kann nicht übersehen werden, dass zwischen dem Mittelhochdeutsch in Bayern, wo ihre Mutter herkam, und dem Ostmitteldeutsch in Thüringen ein wesentlich größerer Sprachunterschied als heute bestand, zumal keine normierende Hochsprache - wie heute das Hochdeutsche - existierte, die an allen Schulen gelehrt und überall verstanden wurde.

Etwas von dem Deutsch unserer Gegend könnte vielleicht doch schon in Ungarn an Elisabeths Ohr gedrungen sein. Ihre Großmutter, die Mutter von Gertrud, stammte aus dem nicht sehr weit von Thüringen gelegenem Gebiet an der Zwickauer Mulde. Diese Großmutter hieß Agnes und war eine Wettinerin aus dem Familienzweig, der seinen Hauptsitz in Rochlitz hatte. Bei Heiratsverbindungen zog jeweils eine Anzahl von Gefolgsleuten in die neue Heimat mit, von denen einige durchaus mit Gertrud nach Ungarn gelangt sein könnten.

In Thüringen traf Elisabeth auf eine Schwiegermutter, die aus dem Hause Wittelsbach stammte und wie ihre Mutter in Bayern aufgewachsen war. Das Bayrisch der Schwiegermutter und ihres Gefolges sollte eine weitere Hilfe bei Elisabeths Eingewöhnung gewesen sein. Des Weiteren dürfte Elisabeth eine Anzahl lateinischer Ausdrücke verstanden haben. Das Latein überbrückte im mittelalterlichen Europa die Sprachenvielfalt und hielt sich lange in Urkunden und Verträgen. Da die Gottesdienste vornehmlich in Latein gehalten wurden, verstanden die Menschen jener Zeit eine Vielzahl lateinischer Wörter und Wortverbindungen. Selbst die kleine Elisabeth blieb sicherlich nicht ohne alle Kenntnis, was ihr dann in ihrer neuen Umgebung nutzte.

Nicht zuletzt befand sie sich bei der Ankunft mit vier Jahren in einem Alter, in dem sie ziemlich schnell die Sprache ihrer Umgebung aufnehmen konnte. Falls eine sprachliche Barriere für sie in Thüringen jemals bestand, war sie nach kurzer Zeit überwunden. Und schließlich sorgten die aus Ungarn mitgereisten Begleiter für eine glimpfliche Eingewöhnung. Alles in allem wird eine sprachliche Isolation am thüringischen Landgrafenhof kaum existiert und die Persönlichkeit Elisabeths nicht geprägt haben(..)

2. 2. Kriegsfolgen und Armut in Thüringen

Viel stärker als mit Einsamkeit wurde Elisabeth bereits in früher Kindheit mit der Armut und dem Elend im thüringischen Lande konfrontiert. Persönlich litt sie sicher keinen Mangel, aber der Anblick von Hungernden und Obdachlosen wird ihr nicht erspart geblieben sein. Als sie 1211 in Thüringen eintraf, waren die Folgen der unerbittlichen Kältewelle des Vorjahres noch sichtbar. Im Winter des Jahres 1210 darbte Mitteleuropa unter ungewöhnlich langem und strengem Frost, der viele Todesopfer forderte und die Masse der Armen vergrößerte. Ein etwa zwei Jahrhunderte andauerndes Bevölkerungswachstum hatte auch die Anzahl der Armen erhöht. Über den Winter und die Folgen in Thüringen berichtete die Chronik von Reinhardsbrunn: Selbst von den sehr bejahrten Menschen konnte sich keiner an eine derart unerträgliche und langwierige Kälte erinnern, der sehr viele Menschen erlagen. Vieh, Geflügel und Bienen (Honig als fast einziger Süßstoff!) gingen größtenteils zu Grunde, Weinberge und Bäume litten bis auf die untersten Wurzeln.

Die Verluste an Vieh und Nutzpflanzen können in ein bis zwei Jahren nicht auszugleichen gewesen sein. Auf die Zerstörungen und Schäden durch Naturgewalten folgten solche durch Menschenhand. Die Kriegsfurie überzog die Landgrafschaft Thüringen. Landgraf Hermann I. zählte zu den Köpfen der Fürstenversammlung, die im September 1211 in Nürnberg zusammentraf und beschloss, Kaiser Otto IV. als Ketzer zu ächten und den Staufer Friedrich II. zum zukünftigen Reichsoberhaupt zu wählen. Noch im gleichen Jahr trug die kaiserliche Partei den Krieg auf das Territorium Hermanns I. Im Folgejahr rückte Otto IV. mit einem Heer von 2.500 Mann ein und belagerte wochenlang Weißensee(..)

2. 3. Todesfälle und Eisenacher Katharinenkloster

Die Not des einfachen Volkes musste Elisabeth nicht teilen, doch Elend und Tod erfuhr sie bald bei nahen Verwandten. Als sie sechs Jahre alt war, wurde im fernen Ungarn ihre Mutter am 28. September 1213 Opfer eines Mordanschlags. Die Nachricht erreichte mit Sicherheit das Thüringer Land und wurde der nunmehr Halbwaisen hinterbracht. Die Königin Gertrud hatte am ungarischen Königshof und im Lande einflussreiche Posten mit Personen aus ihrer deutschen Heimat besetzt. Eine Adelspartei entledigte sich ihrer offensichtlich mit Erfolg und ohne Strafe. Während einer Jagd im nordwestlich von Budapest gelegenen Pilisgebirge wurde sie in ihrem Zelt erschlagen und regelrecht in Stücke gehauen. Im nahen Zisterzienserkloster von Plisszentkereszt (Pilis) bei Esztergom wurde sie begraben und erhielt ein prächtiges Grabmal. Kloster und Grabmal wurden in der Türkenkriegen des 16. und 17. Jahrhunderts zerstört, doch immerhin in den 1960er bis 1980er Jahren archäologisch erschlossen.

War die Mutter noch außerhalb von Elisabeths Gesichtskreis ums Leben gekommen, erfolgte der nächste Todesfall in unmittelbarer Nähe. Der Landgrafensohn Hermann, den sie mehrere Jahre persönlich gekannt hatte, verstarb im Alter von erst 13 Jahren. Er wurde 1216 vor den Toren der Stadt Eisenach im neugegründeten Katharinenkloster bestattet, das als neue Familiengrabstätte (Grablege) für die Ludowinger vorgesehen war. Da nicht Hermann, sondern sein Bruder Ludwig IV. der älteste Landgrafensohn war, entfällt das in der Literatur oft geschilderte Problem, Elisabeth hätte nach dem Tod von Ludwigs Bruder Hermann nach Ungarn zurückgeschickt werden sollen.

Wenig später erlebte Elisabeth den Tod des Landgrafen Hermann I., der noch unlängst im Mittelpunkt einer vielköpfigen und sinnesfrohen Hofgesellschaft gestanden hatte. Wie er dahinschied, wird sich nicht klären lassen. Eine Erfurter Chronik berichtet von einer langen Krankheit. Caesarius von Heisterbach schrieb wenige Jahre nach dem Tod des Landgrafen, Hermann I. sei in seinem letzten Lebensjahr vom Teufel besessen gewesen. Dass der Sohn Ludwig IV. bereits zu Lebzeiten des Vaters Urkunden ausstellte, belegt keineswegs eine Regierungsunfähigkeit Hermanns, da bei den Ludowingern solches durchaus üblich war. Hermann war in seinen letzten Lebensjahren ziemlich aktiv, stellte noch Mitte 1216 Urkunden aus und hielt sich im Oktober 1216 bei Kaiser Friedrich II. in Altenburg auf, weshalb ein eventuelles Siechtum ziemlich kurz gewesen sein muss. Ein im Elisabethpsalter überliefertes Gebet Sophias für ihren Gatten nennt zwar sein bitteres Leiden, doch ist das mehrdeutig auslegbar und kann auch die Peinigung seiner Seele im Jenseits meinen.

Hermann I. schied im Jahre 1217 auf dem Grimmenstein, der Stadtburg oberhalb Gothas, aus dem Leben. Seine Gattin verhinderte die Bestattung im Kloster Reinhardsbrunn, das bisher die ludowingischen Landgrafen aufgenommen hatte. Stattdessen fand er im Katharinenkloster vor den Toren Eisenachs seine letzte Ruhe(..)

2. 4. Die Wartburg und der thüringische Landgrafenhof unter Hermann I.

Wenn die Wartburg - wie oft geäußert - erst in der Regierungszeit Ludwigs IV. in Benutzung genommen worden wäre, hätte sie nicht die prachtvolle Hofhaltung unter seinem Vorgänger Hermann I. gesehen. Elisabeth hätte dann in ihrer Kindheit die Burg noch nicht kennen gelernt. Aber ist das wirklich so? Zunächst stimmt, dass die schriftlichen Überlieferungen bis zu Hermann I. keinen zwingenden Hinweis auf die Anwesenheit des Landgrafenhofes auf der Wartburg erbringen - weder in Urkunden noch in Chroniken.

Doch wo die schriftlichen Zeugnisse schweigen, sprechen die Zeugen aus Holz und Stein am Hauptgebäude, dem Palas. Mit Hilfe der dendrochronologischen Datierung ist es möglich, anhand der Jahresringe fast bis auf das Jahr genau zu bestimmen, wann die Bäume für das Bauholz gefällt worden sind. Der Wartburg-Palas besitzt noch eine ganze Reihe von dicken Eichenstämmen, welche die Decken trugen und noch aus der originalen Bauzeit stammen. Eine Untersuchung ergab, dass die Stämme kurz vor 1160 geschlagen wurden und dass bis ins obere Stockwerk in einem Zuge gebaut worden war.

Ebenfalls in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts weist die Bauplastik. Der Wartburg-Palas verfügt über eine Vielzahl von kunstvoll ausgestalteten Kapitellen, welche die Säulen bekrönen. Kapitelle der Wartburg sind stilistisch verwandt mit Bauplastik aus niederrheinisch-niederländischem Gebiet: der Doppelkapelle von Schwarzrheindorf (heute Stadtteil von Bonn), dem Bonner Münster, der Kirche St. Servatius in Maastricht und mehrerer Kirchen Kölns. Diese Beispiele ordnen sich ins 12. Jahrhundert ein. Der Kapellenbau in Schwarzrheindorf wurde 1151 beendet. Die Wartburg-Kapitelle dürften etwas später anzusetzen sein, aber nicht viele Jahrzehnte.

Der Wartburg-Palas erhielt seine äußere Gestalt offensichtlich, um von der Macht und dem Reichtum seines Bauherrn weithin zu künden. Die Absicht zur Repräsentation zeigt sich in den großen, mit Rundbögen und Säulen ausgeformten Maueröffungen wie den Arkadenreihen, den Drillings- und den Zwillingsfenstern. In unserer Gegend erweisen sie sich als klimatisch unsinnig und sind aus den wesentlich wärmeren Mittelmeergebieten entlehnt. Sie passen in die Zeit des Kaisers Friedrich I. (Barbarossa, 1152-1190) und seines Sohnes Heinrich VI. (1190-1196), als der Anspruch auf eine Art Weltherrschaft in die Architektur einfloss. In Thüringen findet sich diese Bauidee auch auf der Burg Weißensee, auf der Creuzburg, auf der Eckartsburg bei Eckartsberga und der Lobdeburg über dem Jenaer Stadtteil Lobeda. Diese Beispiele werden ebenfalls dem 12. Jahrhundert zugewiesen. Die auf der Hofseite des Wartburg-Palas zu sehenden drei nebeneinander stehenden Fünferarkaden des Erdgeschosses finden eine ähnliche Komposition auf der Kaiserpfalz Eger (um 1180).

Die Zeugnisse des Bauwerks bestätigen, was die schriftlichen Quellen nicht überliefern: Die Wartburg diente zur Zeit Hermanns I. als Aufenthaltsort des thüringischen Landgrafenhofes. Denn es gibt keinen Sinn, mit ungeheurem Aufwand der Wartburg-Palas zu errichten, der mit den Bauten der staufischen Kaiser konkurrierte, um ihn über Jahrzehnte ungenutzt stehen zu lassen. Der Fund von reichlich Tierknochen aus der Zeit vor 1200 in einer mittelalterlichen, erst 2000/2001 erschlossenen Abfallgrube bestätigt die frühe Nutzung des Palas.

Das Bild Hermanns I. ist in der Nachwelt weniger durch seine politischen Taten als vielmehr durch die Förderung der Künste und der Künstler geprägt. Über den thüringischen Musenhof und den Landgrafen als Mäzen der Dichter und Sänger wurde viel geschrieben, so dass es hier keiner Wiederholung bedarf. Das rege Treiben am Landgrafenhof charakterisierte besonders Walther von der Vogelweide, der zwischen dem Lob, der Thüringer sorge sowohl im Sommer wie im Winter für die Sänger, und dem Tadel schwankt, ein Schaden am Gehör würde sich hier unweigerlich zur Taubheit steigern(..)

2. 5. Frühe religiöse Ambitionen und die Legende von der Kronablegung

In ihrer Kindheit erlebte Elisabeth einerseits das auf äußere Repräsentation bedachte und sinnenfrohe Leben am Hofe eines der mächtigsten und künstlerisch ambitioniertesten deutschen Fürsten. Andererseits stieß die Armut bis an die Tore der Landgrafenburgen vor. Bei Kirchgängen oder Reisen umgab die Not vieler Menschen unmittelbar die zukünftige Landgräfin.

Ihre Biographie belegt, dass Elisabeth diesen Zustand nicht hinnahm, sondern in der eigenen Lebensart nach einem Ausweg suchte. Damals neue Ideen und Bewegungen im Bereich der christlichen Religiosität warteten mit Handlungsangeboten auf. Schon früh kam Elisabeth mit Personen und Institutionen in Berührung, die auf weltlichen Glanz verzichteten und sich ganz auf die eigentlichen christlichen Prinzipien orientierten. Von der ungarischen Harfnerin aus ihrer Begleitung, die 1211 in Nürnberg geblieben war und sich den Beginen angeschlossen hatte, wird sie gehört haben. Auch wenn sie die Tragweite dieses Schrittes mit vier Jahren noch nicht begriff, so mit Sicherheit später.

Neben Worten machten offenbar auch Bilder auf sie großen Eindruck. Der thüringische Landgrafenhof besaß jenes bebilderte Gebetbuch, das heute Elisabethpsalter genannt wird und sich in Cividale befindet. Ihre Schwiegermutter schenkte es Elisabeth, was nicht zuletzt für eine emotionale Verwandtschaft zwischen den beiden Frauen spricht. Eine Miniatur zeigt eine Frau, die zwei verkrüppelten Bettlern Geld und einem dritten einen Mantel übergibt. Das Bild könnte Elisabeth beeinflusst haben, da sie später entsprechend handelte und die gleichen Motive in den Elisabethdarstellungen wiederholt wurden.

Vermutlich hielt sie jenen Psalter bereits früh in den Händen. Ihre Dienerin Guda berichtete, dass sie mit fünf Jahren, als sie noch keinen Buchstaben lesen konnte, vor dem Altar lag und einen Psalter gleichsam zum Gebet vor sich ausgebreitet hatte.

Elisabeth erfuhr wahrscheinlich auch von dem frommen Einsiedler Sifrid (Siegfried), der 1215 verstarb. Er hatte in strenger Einsamkeit beim Kloster Georgenthal gelebt und seine Enthaltsamkeit mit Wachen, Beten und Fasten ausgefüllt, bis sein geschwächter Körper von heftigem Fieber ergriffen wurde. Als er dahingegangen war, stritten sich die Mönche von Reinhardsbrunn und Georgenthal um den Leichnam. Die Reinhardsbrunner bestatteten ihn, worauf an seinem Grabe Wunder geschahen.

Reinhardsbrunn war das Hauskloster der Ludowinger, diente als ihre Begräbnisstätte und untermauerte in seiner Geschichtsschreibung die Herrschaftsberechtigung der Landgrafen. Obwohl in jenen Jahren das Verhältnis der Ludowinger zu ihrem Hauskloster ziemlich abgekühlt war, wird Elisabeth von jenem Sifrid gehört haben.

Die von ihrer Dienerin Guda im Libellus vorgetragenen Berichte über Elisabeths Kinderspiele wurden so ausgerichtet, als ob Elisabeth stets auf religiöse Übungen hinzielte. In verschiedenen Spielen soll sie sich und ihre Gefährtinnen zu Gotteshäusern hinbewegt haben. Ob sie auf einem Bein hüpfend sich gegenseitig stießen, ob sie eine Art Fangespiel oder Ringspiel betrieben, immer strebte sie in Richtung Kapelle.

Um vor Gott nicht als auf persönlichen Vorteil bedacht dazustehen, verzichtete sie bei bestem Erfolg im Spiel auf weitere Siege und unterließ an Sonn- und Festtagen das ihr so liebe Reigentanzen. Offenbar wird ihr späteres Entsagen irdischer Genüsse vorverlegt, wie in anderen Situationen ihr soziales Engagement. Von ihrem Gewinn im Ring- oder einem anderen Spiel verschenkte sie den zehnten Teil an arme Mädchen, machte auch sonst Geschenke unter der Bedingung - nun kommt wieder die religiöse Motivierung-, dass die Empfänger ein Vaterunser oder Ave Maria aufsagen. Sie selbst versuchte bei jeder Gelegenheit, möglichst viele Gebete zu verrichten, ob während des Spielens oder nachts im Bett.

Die Schilderungen ihrer Dienerin Guda wurden aufgezeichnet, um die Heiligsprechung Elisabeths in die Wege zu leiten. Die Protokollanten dürften das Ihre dazugetan haben, die einfachsten kindlichen Regungen als Drang ins Religiöse auszulegen. Wie dem auch sei, schon der Einfluss der Schwiegermutter und die Erziehung in ihrer Zeit besaßen eine starke religiöse Orientierung. Ob Elisabeth bereits in ihrer Kindheit mehr als andere Kinder ihre Gedanken auf Gott richtete, lässt sich nicht rekonstruieren, doch die frühen Lebensumstände und ihr späterer Lebensweg machen es wahrscheinlich.

Zu ihrem Apostel erkor sie den Evangelisten Johannes, der ihr auf Probe hin dreimal durch das Los zufiel. Laut Libellus fungierte der Heilige für Elisabeth gleichsam als Wächter der Keuschheit, was für eine zur Heirat und zum Gebären von Fürstensöhnen vorgesehene Person wie Elisabeth wohl kaum den Ausschlag gab und aus späterer Interpretation hervorging. Dass sie den Johannes erwählte, wird wahrscheinlich stimmen. Da sie sich besonders auf Jesus orientierte, wählte sie möglicherweise den Apostel aus, der ihm am nächsten stand.

Noch vor ihrer Hochzeit, als Elisabeth an der Schwelle zum Erwachsenwerden stand, ereignete sich angeblich eine Begebenheit, die das spätere Zerwürfnis mit der ludowingischen Landgrafenfamilie bereits ahnen ließ. Erstmals schilderte Dietrich von Apolda die Episode: Einst ging Sophia, die Witwe Hermanns I., zur Kirche. Ihr folgten die Tochter Agnes und die zukünftige Schwiegertochter Elisabeth, die zusammen aufgewachsen waren. Beide waren mit einer Krone aus Gold und Edelsteinen geschmückt. Vor dem Altar kniete Elisabeth nicht nur nieder, sondern nahm auch ihre Krone ab, um sie während des Gottesdienstes nicht wieder aufzusetzen. Auf verwunderte Fragen antwortete sie: "Es kann nicht richtig sein, dass im Angesicht Gottes, meines Herrn Jesus Christus, den ich mit Dornen bekrönt sehe, ich wertloses und unnützes Ding mich durch den Hochmut des Stolzes gekrönt zeige."

Die Selbsterniedrigung traf auf das Unverständnis von Sophia und Agnes, die ihr das Leben fortan schwer machten. Ein Mosaik in der Elisabethkemenate der Wartburg zeigt die kniende Elisabeth; Sophia und Agnes machen deutliche Gesten der Ablehnung.

Doch bevor auf Elisabeths Unannehmlichkeiten eingegangen wird, einige Bemerkungen zum Ort des Geschehens. Dietrich von Apolda schrieb von einer Kirche, benannte sie aber nicht näher. Seine Nachfolger schmückten 100 Jahre lang die Szene zwar aus, gaben jedoch den Ort ebenfalls nicht an. Kurz vor 1400 behauptete dann die Eisenacher Dominikanerchronik, dass Elisabeth in der Kapelle der Wartburg ihre Krone abgelegt und ihr Schwager das Kruzifix vom Altar weg an das Eisenacher Dominikanerkloster verschenkt habe(..)

2. 6. Die ersten Regierungsjahre Ludwigs IV.

Nach dem Tode des Vaters hatte Ludwig IV., noch nicht siebzehn Jahre alt, die Herrschaft über die ludowingischen Ländereien angetreten. Eingewöhnungs- oder Übergangsprobleme gab es offenbar nicht, denn bereits in seinem ersten Regierungsjahr stellte er Urkunden aus. Im November 1217 hielt er sich beim Kaiser Friedrich II. in Altenburg auf. Seine Titel des Landgrafen von Thüringen und des Pfalzgrafen von Sachsen wurden ihm weder vom Reichsoberhaupt noch von einheimischen Grafen bestritten.

Unter Ludwig IV. ging die zentrale Stellung des thüringischen Landgrafenhofes als Zentrum von Dicht und Vortragskunst bald verloren. Anfangs (1217) trat noch Walther von der Vogelweide am thüringischen Landgrafenhof auf, und Wolfram von Eschenbach schrieb am "Willehalm" weiter, doch die religiösen Intentionen des jungen Landgrafenpaares wiesen in eine andere Richtung.

Am 6. Juli 1218 erhielt Ludwig in Eisenach die feierliche Ritterweihe, die so genannte Schwertleite. Ihm wurde das Schwert, das ein Priester gesegnet hatte, am Schwertriemen umgegürtet. Jene Zeremonie machte einen jungen Mann vom Knappen zum Ritter; nunmehr durfte er die Waffen nach eigenem Willen führen.

Das Verhältnis zum sechs Jahre älteren Kaiser war von Anfang an ohne Störungen. Ludwig erschien im Dezember 1218 auf dem Hoftag zu Fulda und folgte dem Kaiser noch im gleichen Monat nach Frankfurt/M. Im Juni des nächsten Jahres traf er mit Friedrich II. in Erfurt zusammen. Vor allem nahm der junge Landgraf im April/Mai 1220 am Fürstentag zu Frankfurt/M. teil, als der erst neunjährige Kaisersohn Heinrich (VII.) zum deutschen König gewählt wurde. Ludwig IV. nahm in kurzer Zeit eine geachtete Position in der Reichspolitik ein(..)

3. Die Ehejahre Elisabeths

Die Ereignisse in Elisabeths Ehejahren von 1221 bis 1227 kann man im Sinne einer Systematisierung nicht chronologisch exakt aneinanderreihen, da zur Erklärung vieler Probleme Zeitsprünge notwendig sind. Deshalb soll an dieser Stelle ein kurzer Überblick vorangestellt werden. Nach der Hochzeit 1221 unternahm das junge Landgrafenpaar in der zweiten Jahreshälfte eine Art Hochzeitsreise nach Ungarn, in das Herkunftsland der Braut. Ende März 1222 wurde der Sohn Hermann II. geboren. Um 1223 entstand in Gotha das erste Hospital unter Elisabeths Einfluss. Im März 1224 kam die älteste Tochter Sophia zur Welt(..)

3. 1. Die Vermählung und die Hochzeitsreise nach Ungarn

Über die Vermählung von Ludwig IV. und Elisabeth wird sehr spärlich berichtet, so dass zunächst nicht viel mehr als das Jahr 1221 feststeht. Etwas näher an den Zeitpunkt führt das Datum der Geburt des ersten Kindes heran; es ist der 28. März 1222. Die Ehe müsste demnach vermutlich vor dem Juli, also in der ersten Jahreshälfte, geschlossen worden sein. Am 9. September 1221 bezeichnete Ludwig in einer überlieferten Urkunde Elisabeth als seine Gattin.

Wenn die Eheschließung nach fränkischem Recht, das ein Mindestalter der Braut von 14. Jahren verlangte, erfolgt ist, müsste sie nach dem 7. Juli datiert werden, wenn das Geburtsdatum Elisabeths am 7. Juli 1207 stimmt. Ein solches Hochzeitsdatum im Juli wäre noch möglich, wenn der erste Sohn dann etwas vor der Zeit zur Welt gekommen wäre. Andernfalls müsste Elisabeth bereits mit 13 Jahren geheiratet haben. Ihr Gemahl, am 28. Oktober 1200 geboren, zählte auf jeden Fall 20 Jahre.

Von ihrem Beichtvater Konrad von Marburg und einigen anderen frühen Quellen wurde berichtet, Elisabeth habe eigentlich gar nicht heiraten und vielmehr Gott in Keuschheit treu bleiben wollen. Doch ihr Verhalten gegenüber Gatten und Kindern belegt, dass dies nicht stimmt, sondern bereits zur legendenhaften Anpassung an die Standards einer Heiligen gehört.

Über den Ort der Trauung schweigen sich die mittelalterlichen, besonders die zeitgenössischen Berichte zunächst aus. Um 1400 lassen zwei Eisenacher Chroniken das Paar auf der Wartburg heiraten. Erst Johannes Rothe legte sich auf Eisenach fest. Er behauptete als erster, 200 Jahre nach dem Ereignis, dass die Reiseanführer von 1211 Meinhard von Mühlberg und Walther von Vargula die Braut zur Kirche geleitet haben; das ist wohl wieder eine spätere Ausschmückung.

Dass die Brautleute in der Eisenacher Georgenkirche vor den Traualtar traten, wie man sich in der Elisabethliteratur geeinigt hat, ist aus den Zusammenhängen erschlossen worden. Ludwig hielt sich in jener Zeit am häufigsten in Eisenach auf, wie zwei Urkunden von 1217 und 1218 und seine Schwertleite 1218 zeigen. Innerhalb der Stadtmauern stand an der Südostecke des Marktes das ludowingische Wohngebäude. Die Georgenkirche in unmittelbarer Nähe diente als Hofkirche. Nach Rothe soll Ludwig darin die Schwertleite erhalten haben.

Die Georgenkirche wurde unter Ludwig III. (1172-1190) in lang gestreckter, einschiffiger Form erbaut, wobei die heutigen Pfeiler den Verlauf der einstigen Außenmauern markieren. Der hl. Georg wurde zum Schutzpatron der Stadt, die ihn in ihrem Wappen trägt. Martin Luther wählte nach ihm seinen Decknamen "Juncker Jörg" (Jörg - Kurzform von Georg), als er sich 1521/22 auf der Wartburg verbergen musste.

Noch 1221 unternahm das junge Paar seine Hochzeitsreise, welche die einzige bekannte, derart weite gemeinsame Fahrt über die Grenzen des ludowingischen Machtbereichs hinaus bleiben sollte. Wie Ludwigs Kaplan und Biograph Berthold angab, brachen sie am St.-Michaelis-Tag, dem 29. September, nach Ungarn auf. Elisabeth war bereits im zweiten oder dritten Monat schwanger und wird deshalb nicht längere Strecken geritten sein, wie manchmal gemutmaßt wird.

Die Lage in Thüringen, Hessen und in der Mark Meißen war zeitweilig stabil und erlaubte die Abwesenheit des Landgrafenpaares. Die Urkunde vom 9. September 1221 hatte Ludwig nicht nur mit Zustimmung seiner Gattin, sondern auch seiner Mutter Sophia und seiner Brüder Heinrich Raspe und Konrad abgefasst, die demnach für die Ausübung der Herrschaft bereitstanden. Die Ungarnreise diente wohl gleichzeitig der Versicherung des politischen Bündnisses wie auch der Pflege der Verwandtschaftsbeziehungen, besonders seitens Elisabeths.

Berthold benannte aus der Masse der Reisebegleiter den Grafen Heinrich von Schwarzburg, Heinrich von Stolberg, Ludolf von Berlstedt, Reinhard Varch und den Schenken Rudolf. Dieser Personenkreis erschien vor und nach der Reise des Öfteren in Urkunden des Landgrafen und ist wesentlich glaubhafter, als die Gesandtschaft von 1211. Meinhard von Mühlberg und Walther von Vargula, 1211 dabei gewesen, hätten sicherlich wieder teilgenommen und wären von Berthold vermutlich auch hervorgehoben worden, da sie Wege und Orte gekannt haben müssten. Es bestätigt sich, dass zehn Jahre zuvor nicht Walther, sondern Rudolf von Vargula die Reise begleitet hatte. Bis auf den Grafen Heinrich von Schwarzburg zogen 1227 die vier anderen Begleiter von 1222 mit Ludwig nach Süden in Richtung Italien und Heiliges Land(..)

3. 2. Die Kinder

Aus der Ehe Elisabeths mit Ludwig IV. gingen drei Kinder hervor: Hermann, Sophia und Gertrud. Aus den Ehejahren liegen keine Hinweise vor, dass Elisabeth sich ihrer Aufgaben als Gattin und Mutter entziehen wollte.

Ihr Sohn Hermann II. war der designierte Nachfolger im Landgrafenamt. Nach dem Tode des Vaters und Erlangung der Mündigkeit kam er gegen seinen Onkel Heinrich Raspe jedoch nicht recht zum Zuge und wurde auf das ludowingische Nebenland Hessen abgedrängt. Noch nicht einmal 19-jährig starb er am 3. Januar 1241 an seinem Geburtsort Creuzburg.

Der Ludwigbiograph Berthold teilte mit, dass Elisabeths Sohn am 28. März 1222 auf der Burg Creuzburg das Licht der Welt erblickte und nach dem Großvater auf den Namen Hermann getauft wurde. Die Mutter war ganze 14 Jahre alt. Die Creuzburg und die Wartburg bildeten die westlichen Grenzposten der Landgrafschaft Thüringen. Der Ort liegt knapp 10 Kilometer nordwestlich von Eisenach an der Stelle, wo die "lange Hessen" genannte Handelsstraße die Werra schnitt.

Das Gebiet war 1170 von den Ludowingern erworben worden, welche die Burg Creuzburg etwa gleichzeitig wie die Wartburg ausbauten. Die Stadtentstehung war bereits soweit fortgeschritten, dass die Burg nicht mehr auf einer der umliegenden Höhen (wie die Wartburg, Neuenburg, Harzburg, Burg Hohenstaufen, Henneburg - sämtliche etwa 100 Jahre eher gegründet), sondern unmittelbar an die Stadt gesetzt wurde.

Unter Ludwig IV. erlebten Stadt und Burg Creuzburg einen Höhepunkt ihrer Bedeutung. Davon zeugt nicht zuletzt der Geburtsort Hermanns II. In jener Zeit wurde an der Stadtkirche St. Nikolai gebaut, deren Errichtung um 1215 begann. Um 1223 vollzog sich der Bau der steinernen Werrabrücke, die heute im Kern noch steht. Als Ludwig zum Kreuzzug aufbrach, soll er seine Mannen gerade hier vor Creuzburg gesammelt haben.

Die Burganlage weist neben Ringmauer und Palas ein weiteres markantes Bauwerk auf: einen Wohnturm. Das unterste Geschoss wird "Elisabethkemenate" genannt und könnte durchaus von der Landgräfin bewohnt worden sein. Ein großer Eckkamin spricht dafür, dass der Raum hochgestellten Personen zugedacht war. Zwei romanische Kaminsteine mit Lilienrelief belegen sein hohes Alter. Unlängst wurde in einer Türfüllung an der Elisabethkemenate weitere romanische Bauplastik gefunden.

Am Palas der Creuzburg befinden sich ebenfalls einige romanische Kapitellformen und eine Viererarkade. Die Formen sind zwar schlichter als auf der Wartburg, auf Burg Weißensee oder auf der Neuenburg, zeugen aber doch von einem beachtlichen künstlerischen Niveau. Obwohl die Creuzburg zu den ludowingischen Hauptburgen zählte, reichte ihr Stellenwert wahrscheinlich ganz nicht an diese drei Burgen heran.

Die älteste Tochter von Ludwig und Elisabeth erhielt nach Ludwigs Mutter den Namen Sophia. Sie heiratete den Herzog Heinrich II. von Brabant. Da dieser aus erster Ehe bereits einen Sohn hatte, wäre ihr eigener Sohn Heinrich ohne eigenes Land geblieben. Nach dem Aussterben der Ludowinger im Mannesstamm sicherte sie ihm erfolgreich deren hessische Besitzungen und schuf damit die Grundlage für die Landgrafschaft Hessen, die wiederum für die Entstehung des heutigen Bundeslandes Hessen sehr wichtig war.

Der Ludwigbiograph Berthold erwähnt die Geburt Sophias an zwei verschiedenen Stellen. Zuerst sagte er aus, dass sie am 20. März 1224 auf der Wartburg zur Welt kam. Zum zweiten schilderte er unter dem Jahr 1225 einige Ereignisse des Vorjahres, darunter auch die Niederkunft Elisabeths mit der Tochter Sophia innerhalb der sechswöchigen Fastenzeit vor Ostern. Und er setzte hinzu: "Den Schmerz dieser Geburt zu mildern, verschaffte die Burg Wartburg einen Vorteil."

Die Wartburg bot demnach besonders günstige Möglichkeiten, die zwei Jahre vorher bei der Geburt Hermanns II. in Creuzburg noch nicht bestanden haben. Daraus wurde geschlussfolgert, dass zwischen beiden Geburten der Palas der Wartburg fertig gestellt wurde und jetzt erst die Wartburg von der Hofgesellschaft zu Festlichkeiten und Aufenthalten benutzt werden konnten. Doch der nicht näher beschriebene Vorteil konnte in vielerlei Art bestanden haben. Die Belege für eine frühere Fertigstellung des Palas wurden bereits aufgeführt.

Die dritte Tochter hieß nach Elisabeths Mutter Gertrud. Sie wurde am 29. September 1227 erst nach dem Tode des Vaters geboren. Schon als Kleinkind wurde sie dem Kloster Altenberg übergeben, das im heutigen Stadtteil Oberbiel von Wetzlar über der Lahn liegt. Gertrud wurde erst 20-jährig Äbtissin und sorgte sich bis zu ihrem Tode 1297 um die Elisabethverehrung in Hessen(..)

3. 3. Die Dienerin Isentrud von Hörselgau

Mit der Geburt des Sohnes Hermann festigte sich die Position Elisabeths. Sie hatte den für die Herrschaftsfolge und die Stabilität der Landgrafschaft wichtigen Stammhalter zur Welt gebracht und war damit die Mutter des zukünftigen Landgrafen.

Neben der bisherigen Dienerin Guda wurde nun Isentrud an ihre Seite gestellt. Nach einer Formulierung von Isentrud im Libellus hatte die Landgräfin zu Ehezeiten drei Dienerinnen. Die Bezeichnung "Dienerin" darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um hochgestellte Personen in der Landeshierarchie handelte, um die herum sich viele niederrangige Bedienstete sammelten. Zusammen mit selbstverwalteten Einkünften werden die Konturen eines eigenen Hofstaates der Landgräfin erkennbar.

Im Protokoll für Elisabeths Heiligsprechung, jenem "Libellus", stammen von Isentrud die wichtigsten Passagen. Laut dieses Libellus' lebte sie fünf Jahre lang zu Lebzeiten Ludwigs IV. und danach noch mehr als ein Jahr an der Seite der Landgräfin; das entspricht dem Zeitraum von 1222 bis 1228. Ihr Eintritt in die Dienerschaft Elisabeths hing offenbar mit der Geburt Hermanns II. zusammen, der 1222 zur Welt kam. Isentrud berichtete folgerichtig nicht über die Kindheit ihrer Herrin, sondern über ihre Ehejahre und die anschließende Zeit.

Im Libellus wird sie als "fromme Witwe" bezeichnet. Dietrich von Apolda hat sie später "fromme Frau" oder gar "ehrwürdige Herrin" genannt. Sie wird demnach verheiratet und bei der Abfassung des Libellus eine Witwe gewesen sein.

Ihr Heimatort war das Dorf Hörselgau, das wenige Kilometer westlich von Gotha liegt. Dem Namen nach könnte es aus dem Hauptort eines größeren Ortsverbandes, eines Gaues an der Hörsel, hervorgegangen sein. Das Flüsschen Hörsel entspringt südlich von Gotha, durchfließt Eisenach und mündet kurz darauf in die Werra. Mit Isentrud könnten zwei Männer verwandt gewesen sein, die in Urkunden vorkommen. Ein Ludwig von Hörselgau erschien 1215 als Angehöriger des Deutschen Ordens.

Wesentlich interessanter steht es um einen Hartwig (Hartwich) von Hörselgau, der zum Umfeld Ludwigs IV. gehörte. Zwischen 1220 und 1227 erscheint er in sechs Urkunden des thüringischen Landgrafen, dessen Ministeriale er war. Unter einem Ministerialen kann man sich einen Vorläufer der späteren Beamten vorstellen; er bekam bestimmte Ämter und Aufgaben übertragen, wofür er sich in persönlicher Abhängigkeit von seinem Herrn befand.

Hartwig von Hörselgau wird einen gewissen Aufstieg genommen haben, denn in der Reihe der Urkundenzeugen rutschte er von der letzten Stelle im Jahre 1220 bis 1224/25 etliche Plätze nach vorn. Sein Aufstieg könnte in engem Zusammenhang damit stehen, dass Isentrud von Hörselgau seit 1223 zur vertrauten Dienerin der Landgräfin wurde. Über das Verwandtschaftsverhältnis zwischen Hartwig und Isentrud schweigen sich die Quellen aus, und es wird wohl niemals endgültig aufzuklären sein, ob Hartwig der Vater, der Bruder oder ein entfernter Verwandter war(..)

3. 4. Die Stellung Elisabeths als Landgräfin

Die Ehejahre Elisabeths erweisen sich deshalb am interessantesten, weil sie die meisten Veränderungen beinhalten und Entscheidungen abverlangten. Nach dem Tode des Gatten dagegen und besonders in der Marburger Zeit ist sie festgelegt und verfolgt den eingeschlagenen Weg. In der Ehe vollzog sich offenbar der Wandel von einer im Mittelpunkt des höfischen Lebens stehenden und handelnden Landgräfin zur asketischen, äußeren Glanz gänzlich ablehnenden Dienerin der Armen und Kranken.

Ihre Hinwendung zu einem religiösen Leben war offenbar nicht vom Ausgleichung eines individuellen Nachteils motiviert. Die Berichte zeichnen das Bild eines geistig und körperlich gesunden und musisch begabten Menschen. Konrad von Marburg, der sie gut kannte, bezeichnete sie als zweifellos sehr kluge Frau. Ihre Dienerin Guda hatte geschildert, dass sie in der Kindheit viel und gern tanzte; demnach musste sie Beweglichkeit und Rhythmusgefühl besessen haben.

Es wurde beschrieben, dass sie gut reiten konnte, was ihr als Ungarin wohl im Blut lag. Ihre Dienerin Isentrud erwähnte, Elisabeth sei an einem Tag acht deutsche bzw. 40 italienische Meilen geritten. Die Länge der damaligen deutschen Meile ist nicht exakt bestimmbar. Um 1400 maß sie 27.000 Fuß, was bei einem Durchschnittswert von 30 Zentimetern 8,1 Kilometer ergibt. Etwa acht Kilometer ist auch der Durchschnitt verschiedener späterer in deutschen Landen üblichen Meilen. Acht deutsche Meilen dürften zwischen 60 und 70 Kilometern ausgemacht haben, die Elisabeth an einem Tag im Sattel zurückgelegt haben soll. Ihr Gatte konnte sich darauf verlassen, dass sie nicht nur von der königlichen Abstammung her, sondern auch in ihrer persönlichen Erscheinung einer Landgräfin gemäß zu repräsentieren vermochte.

Ihre Beteiligung an der Herrschaftsausübung wird in einer ganzen Reihe von Nachrichten mitgeteilt. In etlichen Anekdoten versuchte Elisabeth, im Vorfeld von Hoftagen ihren religiösasketischen Intentionen nachzukommen. Am Ende jedoch nahm sie schließlich festlich geschmückt und gekleidet neben ihrem Gatten Platz. Ihre Dienerin Isentrud spielte sogar auf Elisabeths Teilnahme an einem Fürstentag an. Ohne Zweifel hat sie zumindest in den ersten Ehejahren ihren Gatten nicht durch Anzeichen des späteren Armutsideals in Schwierigkeiten gebracht und bei öffentlichen Anlässen dem Erscheinungsbild einer reichen Landgräfin entsprochen.

Bei Rechtsakten ihres Gatten hat sie offenbar mitgewirkt. Aus der Zeit von 1221 bis 1227 sind sechs Urkunden überliefert - das sind relativ viele -, in denen die Zustimmung Elisabeths zu Handlungen Ludwigs IV. angemerkt wird, wie auch die ihrer Schwiegermutter und ihrer Schwager Heinrich Raspe und Konrad. Elisabeth dürfte bei den Rechtshandlungen, die in den Urkunden festgehalten sind, zugegen und an der Entscheidungsfindung beteiligt gewesen sein(..)

3. 5. Die Bestrebungen zu Armenhilfe und Armutshaltung

Hält man sich die im Libellus beschriebenen Verhaltensweisen und Anekdoten über Elisabeth vor Augen, muss man, auch wenn es vielfach unmöglich ist, zweierlei zu ergründen versuchen: Erstens sollte man sich um Unterscheidung bemühen, was wirklich geschah und was der Verklärung nach ihrem Tode geschuldet ist, wie sie bereits im Lebensbericht Konrads von Marburg und eben in den Aussagen der Dienerinnen (Libellus) einsetzte. Zweitens gilt herauszufinden, welches Verhalten Elisabeth erst unter dem Einfluss ihrer geistlichen Berater Rodeger und Konrad von Marburg um 1225/26 und welches sie zuvor zeigte.

Wie letzteres beleuchtet werden kann, soll am Beispiel des Speisegebots kurz erklärt werden. Ihre Dienerin Isentrud sagte aus, dass Elisabeth nur bestimmte Speisen zu sich nahm, weshalb sie und ihr Gatte bei Empfängen und Festessen viel Tadel zu ertragen hatten. Da das entsprechende Gebot ihr erst Anfang 1226 von Konrad von Marburg auferlegt wurde und Landgraf Ludwig schon Mitte 1227 sich für immer von seiner Frau verabschiedete, kann diese Situation nur ein reichliches Jahr bestanden haben, und in diesem Jahr weilte Ludwig mehrere Monate ohne seine Gattin in Italien und in anderen Reichsteilen.

Frömmigkeit und Gottesergebung begründeten viele Handlungen Elisabeths, nicht zuletzt bei den Gebetsübungen. Nach der Dienerin Isentrud eilte sie zur Kirche oft den Mägden voran, die darüber schon murrten, und betätigte sich in Bußübungen. Nachts erhob sie sich oft zum Gebet und schlief auf dem Teppich vor dem Bett ein. Bei Abwesenheit des Gatten vollbrachte sie viele Nächte mit Nachtwachen, Gebeten und Geißelungen. Schon vor ihrer Bekanntschaft mit Konrad von Marburg ließ sie sich von ihren Mägden in der Fastenzeit und an Freitagen manchmal schlagen. Nach der Unterstellung unter Konrad steigerte sie dies beträchtlich. Die Geißelung, mit einem biegsamen Schlaginstrument ausgeführt, war keine Abnormität Elisabeths oder Konrads, sondern wurde im Mittelalter freiwillig zur Bußableistung akzeptiert.

Wie Ludwig IV. auch in schwierigen Situationen zu seiner Gattin stand und sie vor Vorwürfen in Schutz nahm, wurde in späteren Geschichtswerken stärker ausgemalt. Doch bereits im Libellus finden sich solche Bemerkungen, so in der Anekdote von der Fußzehe. Wie Isentrud berichtete, wollte Elisabeth möglichst oft nachts geweckt werden, um Gebete zu verrichten. Damit ihr Gatte im Schlaf nicht gestört wurde, wies sie Isentrud an, sie nachts an der Zehe zu ziehen. Die Dienerin erwischte nun eine Zehe Ludwigs, der erwachte und Sinn und Anlass der Schlafstörung erkannte, doch sich unwissend stellte und die Belästigung geduldig und ohne nachtragend zu sein hinnahm.

Weit mehr noch war seine Geduld gefragt, wenn Elisabeth wegen des Speisegebots an der Festtafel viele Gerichte und Speisen ausließ, was offenbar als Affront gewertet und getadelt wurde. Aber auch in diesen Momenten rückte Ludwig nicht von seiner Gemahlin ab. Zum Abschluss der Ehejahre, bemerkte Isentrud, habe Ludwig ihr freies Handeln zur Ehre Gottes und zu ihrem eigenen Seelenheil zugestanden.

Ludwigs Toleranz war besonders gefordert, wenn seine Gattin sich eigenhändig um Aussätzige kümmerte. Noch während ihrer Ehezeit nahm sie einen kranken Bettler auf, der an einer Kopfkrankheit litt, schor ihm die Haare und wusch ihm den Kopf. An einem Gründonnerstag versammelte sie viele Aussätzige, küsste ihre Wunden und wusch ihnen Hände und Füße. Die Fußwaschung, ursprünglich Zeichen der Gastfreundschaft, gehörte zu den rituellen Handlungen, die den Tag des Abendmahls - wie der Gründonnerstag auch im Libellus gekennzeichnet wird - begleiteten. Jesus hatte beim letzten Abendmahl diesen Dienst an seinen Jüngern verrichtet. Elisabeth legte am häufigsten in dem unterhalb der Wartburg gegründeten Hospital diesbezüglich Hand an.

Häufig berichtete Isentrud von Geschenken an Bedürftige. Nach einem Kirchgang schenkte Elisabeth einer armen Frau ihren Wollmantel. Für arme Säuglinge nähte sie selbst Bekleidung und ließ sie taufen. Auch Verstorbene bedeckte sie mit selbst hergestellten Leichenkleidern, wofür sie auch ihren eigenen großen weißen Leinenschleier zerschnitt. Einem Kranken bezahlte sie die Schulden. Arme Wöchnerinnen besuchte sie in ihren niedrigen und schmutzigen Hütten, verschaffte ihnen Trost und sicherte ihnen dreifachen Lohn.

In vielen Situationen bewies sie Klugheit und praktischen Sinn. Neues Leinentuch oder neue Hemden durften unter ihrer Aufsicht nicht verstorbenen Reichen ins Grab mitgegeben, sondern mussten lebenden Armen übereignet werden. In der großen Hungersnot von 1225/26 verteilte sie nicht nur Nahrungsmittel, sondern förderte auch Arbeitsfähige. Sie gab ihnen Kleidung, Schuhe und Sicheln, damit sie bei der Ernte mithelfen und den eigenen Unterhalt verdienen konnten. Wenn sie kein Geld hatte, verteilte sie Mäntel, Kleider und Seidenstoffe, damit die Beschenkten sie verkaufen und zu Geld machen sollten. Übrigens besaßen Kleidung und Stoffe damals einen viel größeren Wert als heute, da seit der industriellen Revolution gerade Textilien immer schneller produziert und damit immer billiger geworden sind. Erinnert sei an den Brautschatz Elisabeths, zu dem allerlei Kleidung und andere Webprodukte gehört hatten(..)

3. 6. Das Mantel und das Kreuzwunder sowie die eheliche Treue Ludwigs

Bei einem Fest, auf dem Ludwig IV. eine Vielzahl von Grafen und anderen Leuten an der Tafel zusammengeführt hatte, wartete man lange vergeblich auf die Hausherrin. Elisabeth hatte sich verspätet, weil sich ihr ein Bettler in den Weg gestellt hatte, der nicht nur Speise und Trank, sondern auch Kleidung benötigte. In der Eile schenkte sie ihm ihren Mantel und eilte zu Tisch. Der Gatte fragte sie des unschicklichen Äußeren wegen, wo sie ihren Mantel habe. Elisabeth sagte in ihrer Verlegenheit, dieser hänge in ihrem Zimmer, und eine ausgeschickte Dienerin fand im Schrank den Mantel tatsächlich an seinem Platz.

Dieser Kern des ”Mantelwunders” erlebte verschiedene Konkretisierungen und Ausschmückungen. Zunächst wurde der Anlass und der Ort des Festes näher bestimmt. Bei Dietrich von Apolda und einem deutschsprachigen Nachfolger wurde zum Anlass und zum Zeitpunkt des Festes nichts mitgeteilt, aber die Wartburg als Ort des Geschehens schon benannt. Die Begegnung Elisabeths mit dem Bettler soll sich unter der Treppe zum Palas zugetragen haben.

In einer nächsten Überlieferungsschicht, die von den um und nach 1400 in Eisenach entstandenen Werken ausgeht, blieb das Geschehen auf der Wartburg, wurde aber zeitlich fixiert und an ein Ereignis gebunden. Das Fest soll 1222 stattgefunden haben, als das Landgrafenpaar von der Hochzeitsreise nach Ungarn zurückgekehrt war. Aus Anlass der Rückkehr waren Grafen, Herren, Ritter und Knechte in großer Zahl eingeladen und festlich bewirtet worden.

In anderen Darstellungen wurde das Fest mit der Hochzeit von Ludwigs Schwester Agnes verbunden, die am 29. November 1225 zu Nürnberg den österreichischen Herzogssohn Heinrich in Nürnberg geheiratet hatte. Mitunter wurde diese Heirat fälschlich auf die Wartburg verlegt.

Die plötzliche Ausstattung mit festlicher Kleidung, die nur durch das Eingreifen Gottes möglich gewesen sein soll, klingt in einer anderen Situation aus Elisabeths Leben an. Dietrich von Apolda berichtete, dass sie sich gerade in erbärmlichem Zustand befand, als ungarische Gesandte den Landgrafenhof besuchten. In kürzester Zeit erschien sie völlig verwandelt und trug ein hyazinthfarbenes (violettes) Kleid, wodurch sie sowohl die Ungarn als auch die eigenen Verwandten beeindruckte.

Die Legende vom Mantelopfer Elisabeths steht keinesfalls vereinzelt, denn auch von anderen Heiligen oder historischen Personen berichtet die Überlieferung, dass sie irgendein Bekleidungsstück einem Bettler schenkten. Sogar ins Volksmärchen ist das Thema eingeflossen, wovon die Geschichte von den Sterntalern zeugt. Das Mantelwunder wird von Chroniken des 11. Jahrhunderts über Edgitha nacherzählt, die erste Gattin des Kaisers Otto I. Allerdings gab sie dem Bettler, der niemand anders als ihr verkleideter Gatte war, nur einen Ärmel, der sich dann an ihrem Kleid auf wundersame Weise erneuerte.

Am bekanntesten ist dieses Motiv sicherlich bei dem Bischof Martin von Tours (316/317 oder 336 bis 397), dessen Grab in Tours zum französischen Nationalheiligtum wurde. Die Legende berichtet, er habe als junger Soldat vor den Toren von Amiens seinen Mantel zerteilt und die eine Hälfte einem Bettler geschenkt. Die weite Verbreitung des Martinskultes wurzelt nicht zuletzt darin, dass er zum wichtigsten Heiligen der merowingischen Könige erkoren wurde.

Ihre Reichsreliquie, auf die sich die Merowinger und danach die Karolinger bei der Ausübung ihrer Herrschaft beriefen, war das Gewand des Martin von Tours. Der Begriff "Kapelle" entstand in diesem Zusammenhang. Der Mantel Martins hieß nach der damaligen Sprache "cappa", womit im Mittellatein und im Althochdeutschen ein fußlanges Gewand mit einer Kapuze gemeint war. [Daher war übrigens die "Tarnkappe" des Nibelungenliedes keine simple Kopfbedeckung, sondern ein fast den gesamten Körper umhüllendes Kleidungsstück.] Der Raum im fränkischen Königspalast zu Paris, in dem sein Mantel (capa) aufbewahrt wurde, diente zu Gebetshandlungen und wurde "Kapelle" genannt. Dieser Terminus ging von da auf die anderen Andachtsräume über, auf denen keine Pfarrechte lagen.

Die Mantelspende Elisabeths übertraf die Tat Martins von Tours, der seinen Mantel nur teilte und eine Hälfte behielt. Elisabeth verschenkte das ganze Kleidungsstück und damit ein Symbol des Adels - den geschlossenen Mantel; sie verzichtete symbolisch auf ein Standesprivileg(..)

3. 7. Die Wartburg als Hauptburg Elisabeths und das Hospital in Gotha

Bereits im Libellus wird davon ausgegangen, dass die Wartburg die Burg Elisabeths während ihrer Ehejahre war. Die Aussagen des Libellus sind in einer bis 1236 entstandenen kürzeren und einer zwischen 1239 und 1244 abgefassten längeren Fassung überliefert. In der Kurzform wird der Burgname nicht genannt, in der Langform dagegen die Wartburg namentlich aufgeführt.

An mindestens sieben Stellen wird von der Burg geschrieben, welche die Heimstätte Elisabeths darstellte. Die Schreiber gingen offensichtlich davon aus, dass es sich um eine ganz bestimmte Burg handelte, die allgemein bekannt war und deshalb nicht jedes Mal benannt werden musste. Das bestätigte Konrad von Marburg in der Elisabethbiographie, wo er ebenfalls von "ihrer Burg" schrieb.

Der Libellus enthält einige Bemerkungen, die Ortskenntnis voraussetzen und eine nachträgliche Hervorhebung der Wartburg unwahrscheinlich machen. Dabei lässt die Langform ein höheres Maß an Wissen um die Burg als die Kurzform erkennen. Unterhalb der Burg Elisabeths wurde eine Stadt erwähnt, deren Name aber nicht genannt. Stadt und Burg müssen innerhalb der Landgrafschaft Thüringen gelegen haben. Neben Wartburg/Eisenach kämen Neuenburg/Freyburg, Weißensee, Creuzburg, Eckartsburg/Eckartsberga und Gotha in Frage, weniger wahrscheinlich noch Tenneberg/Waltershausen und Schmalkalden.

Auf Eisenach weist hin, dass Elisabeth nach dem Tode des Gatten zeitweilig bei den Franziskanern Unterschlupf fand. Franziskaner gab es 1227/28 innerhalb der Landgrafschaft Thüringen lediglich in Eisenach und Gotha(..)

3. 8. Die ersten Franziskaner in Thüringen

Um 1225/26 wurde die Vorstellungswelt Elisabeths in die Richtung entscheidend geprägt, die ihr restliches Leben bestimmen sollte. Die Kontaktaufnahme mit den Franziskanern, auch Minderbrüder oder Minoriten genannt, beeinflusste sie wahrscheinlich am nachhaltigsten. Die Franziskaner erschienen nach einem missglückten Versuch von 1219 im Jahre 1221 in Deutschland und fassten festen Fuß. Von Mainz aus marschierte Jordanus von Giano mit seinen Ordensbrüdern 1224 nach Thüringen, das er am 27. Oktober betrat, und erreichte am 11. November Erfurt. Der Marsch führte wahrscheinlich über Eisenach, wo Elisabeth mit ihnen in Berührung gekommen sein könnte. Im folgenden Jahr schickte Jordanus den Bruder Hermann von Weißensee nach Eisenach, einen Priester-Novizen und Prediger. Dieser gehörte vorher dem Deutschen Orden - dem reichen Adelsorden - an und kannte die Stadt aus seiner Zeit als Kaplan. Durch seine flammenden Predigten und durch sein persönliches Vorbild, aus einem reichen in einen niederen Orden herabgestiegen zu sein, liefen ihm die Einwohner zu.

Die Franziskaner ließen sich innerhalb Thüringens in Erfurt, Gotha, Eisenach sowie in Halberstadt und Mühlhausen nieder. Sie drangen offenbar nicht nur von Westen (Mainz), sondern auch von Norden über Hildesheim, Braunschweig, Goslar und Halberstadt (1223) ein. Jordanus von Giano berichtete, dass er den Laien Rodeger (Rüdiger) in den Orden aufgenommen hatte, worauf dieser bald zum Vorsteher (Guardian) in Halberstadt und zum geistliche Lehrmeister der hl. Elisabeth ernannt wurde. Er soll sie unterwiesen haben, Keuschheit, Erniedrigung und Geduld zu wahren, in Gebeten zu wachen und sich um die Werke der Barmherzigkeit zu mühen(..)

3. 9. Die hleilige Elisabeth und Burg und Stadt Weißensee

Burg und Stadt Weißensee gelten zu Recht als Elisabethstätten, obwohl keine schriftliche Nachricht von ihrer Anwesenheit kündet. Die Lückenhaftigkeit der Überlieferung aus jener Zeit lässt sich aus der Tatsache ahnen, dass keine einzige Urkunde Ludwigs IV. und Elisabeths erhalten ist, die auf der Wartburg ausgestellt wurde. Die Burg war um 1170 von den thüringischen Landgrafen gegründet worden, und vom wohl gleichzeitig ausgebauten Weißensee ist erstmals 1212 die Bezeichnung „Stadt“ überliefert. Sie erwies sich den Burg- und Stadtherren besonders zugetan.

Der Palas der Runneburg, wie sie heute genannt wird, wurde nicht lange nach dem der Wartburg wohl noch bis Ende des 12. oder bis ins erste Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts erbaut, seine Bauplastik wohl bis spätestens 1210 vollendet. Für die Aufnahme des Landgrafenhofs in Elisabeths Zeit bestanden alle Voraussetzungen. Im Zentrum der Landgrafschaft gelegen führten viele Wege über Weißensee und boten sich öfter dem wandernden Hof als Domizil an.

Wie der Standort in militärisch-strategischer Hinsicht eingeschätzt wurde, zeigte sich in den Jahren 1204 und 1211/12. Beide Male belagerten königliche Heere unter persönlichem Kommando des Königs bzw. Kaisers Burg und Stadt. Zur Beherrschung der Landgrafschaft Thüringen war seinerzeit die Kontrolle über Weißensee offenbar unentbehrlich.

Landgraf Ludwig IV. vollzog 1225 in Weißensee einen bedeutenden Rechtsakt, bei dem seine Gattin durchaus vor Ort gewesen sein kann und der in einer Urkunde überliefert ist, wovon sowohl in Marburg als auch in Dresden originale Ausfertigungen erhalten sind. Im Einverständnis mit seinen sicherlich anwesenden Brüdern Heinrich und Konrad befreite er die Brüder des Deutschen Ordens in seinen Landen und Märkten von jedem Zoll und Abgabe. Damit griff der Thüringer dem Orden in einer kritischen Situation unter die Arme, der 1225 vom ungarischen König aus dem Burzenland verwiesen worden und mit dem ersten Versuch einer Staatsgründung gescheitert war.

Beim dem Vorgang zu Weißensee fanden sich auffallend viele Zeugen ein. An der Spitze stand Wratislav, der Sohn des böhmischen Königs Ottokar I. Przemysl. Er war der einzige männliche Spross aus erster Ehe mit der Wettinerin Adelheid von Meißen und von den Wettinern 1211/12 gegen seinen Vater ausgespielt worden. Jene Weißenseer Urkunde ist das letzte Lebenszeichen des um 1185 geborenen Wratislav.

Vom thüringischen Hochadel war je ein Graf von Beichlingen, Käfernburg und Stolberg zugegen. Die landgräflichen Hofämterfamilien der Schenken, Truchsesse, Marschalle und Kämmerer hatten Angehörige vor Ort. Besonders zahlreich weilten 1225 ludowingische Dienstmannen (Ministeriale) in Weißensee. Auffälligerweise begegneten sich einige sonst in Elisabeths Umfeld vorkommende Personen, u. zw. nicht nur die drei landgräflichen Brüder Ludwig, Heinrich und Konrad. Die angeblichen Gesandten von 1211 Graf Meinhard von Mühlburg und Walther von Vargula zählten zu den Anwesenden. Letzterer war ist aber nicht als Schenk ausgewiesen, sondern der ebenfalls aufgeführte Rudolf von Vargula. Auf Walther folgt in der Zeugenreihe Hartwig von Hörselgau.

All die Aspekte zusammen bestätigen, dass Burg und Stadt Weißensee vom thüringischen Landgrafenhof im Beisein Elisabeths aufgesucht wurden und beide berechtigt als Elisabethorte gelten(..)

3. 10. Die Unterstellung Elisabeths unter Konrad von Marburg

Um 1225/26 - meist wird Anfang 1226 angenommen - unterwarf sich Elisabeth dem Geistlichen Konrad von Marburg. Wie Isentrud aussagte und Konrad im Wesentlichen bestätigte, gelobte sie dem strengen Kirchenmann erstens Gehorsam, soweit die Rechte des Gatten gewahrt blieben. Zweitens verpflichtete sie sich zu ewiger Keuschheit, falls Ludwig IV. sterben sollte. Im Katharinenkloster zu Eisenach fand das Ereignis statt.

Diese Unterwerfung Elisabeths unter Konrad von Marburg ist vielfach analysiert und besprochen werden. Da man die inneren Motive der Beteiligten nicht bloßlegen kann, sollen die äußeren Umstände vorgestellt und daraus Schlussfolgerungen gezogen werden. Unmittelbar nach dem Tode Ludwigs IV. kam es vorübergehend zum Bruch zwischen Elisabeth und der ludowingischen Landgrafenfamilie. Rückschauend trifft sicher der Schluss zu, dass durch das Einschalten Konrads von Marburg ein bereits schwelender Konflikt beseitigt werden sollte und ein Kompromiss zwischen verschiedenen Kräften und Personen am Landgrafenhof vermittelt wurde.

Im Eisenacher Katharinenkloster hatte die Landgrafenwitwe Sophia nach der Hochzeit von Ludwig und Elisabeth ihre Unterkunft genommen. Offenbar kam das Zeremoniell unter ihrem Einfluss zustande, ohne dass sie im Geschehen dominieren konnte. Sie konnte hoffen, dass Elisabeth nicht mehr so eigenständig wie bisher handeln und die ludowingischen Belange schädigen würde, nachdem sie unter franziskanschem Einfluss unstandesgemäß in der Öffentlichkeit aufgetreten war und durch Schenkungen und Stiftungen das Familienvermögen geschmälert hatte.

Das Keuschheitsgelübde, wonach Elisabeth bei einem eventuellen Tod des Gatten nicht wieder heiraten wollte, kam den Ludowingern besonders entgegen. Ludwig IV. hatte sich 1224 zur Teilnahme am Kreuzzug verpflichtet, und die Familie musste damit rechnen, dass er, wie sein Onkel Ludwig III. etwa 35 Jahre vorher, nicht mehr lebend zurückkehren würde. Der Landgrafensohn und Nachfolger Hermann II. stand angesichts der vorhandenen Bedingungen unter der Vormundschaft seines Onkels, der unangefochten die ludowingische Herrschaft fortsetzen konnte. Bei einer erneuten Heirat Elisabeths hätte mit dem neuen Gatten ein Rivale Ansprüche anmelden können. Eine solche Gefahr stand den Ludowingern unmittelbar vor Augen, weil genau dieser Fall 1223 in Bezug auf die Mark Meißen eingetreten war, als Ludwig IV. für sein Mündel Heinrich die Markgrafschaft regierte und durch die Heirat seiner Schwester, der Mutter Heinrichs, einen tatkräftigen Gegner erhielt.

Elisabeth selbst musste daran interessiert sein, außer dem bisher einzigen Beschützer - ihrem Gatten - eine weitere einflussreiche Person auf ihrer Seite zu wissen. Ihr Vater, der ungarische König, hatte 1225 den mit Thüringen und den Ludowingern verbündeten Deutschen Orden aus seinem Land gejagt. Elisabeth musste wahrscheinlich befürchten, dass eine Entfremdung zwischen Ungarn und Thüringen eintreten und sich auf ihre Stellung auswirken könnte. Falls ihr Gatte auf dem Kreuzzug oder auf einem anderen Schlachtfeld starb, aber auch schon deswegen, weil er immer häufiger und länger außer Landes weilte, brauchte sie eine Absicherung. Ansonsten wäre nur die Einordnung, oder besser Unterordnung, unter die ludowingischen Familienangehörigen geblieben, der sie durch die Unterwerfung unter Konrad von Marburg entging. Bei aller Gegensätzlichkeit einte beide das Streben, in persönlicher Armut in die Gesellschaft hinein wirksam zu sein. Unter seinem Schutz konnte sie ihr Engagement für die Armen und Kranken hingegen fortsetzen.

Landgraf Ludwig IV. wusste seine Gattin im Falle seiner Abwesenheit in einer sicheren Position. Seine Pläne und Gedanken richteten sich auf die Reichspolitik und auf Machterweiterungen nach Osten in die Mark Meißen und nach Norden bis ins Baltikum. Um seine ambitionierte Politik betreiben zu können, benötigte er stabile Verhältnisse innerhalb Thüringens und innerhalb der eigenen Familie, was er durch das Einschalten Konrads von Marburg als gewährleistet ansah(..)

3. 11. Die Hungersnot und Elisabeths Getreideverteilung

Die asketischen Intentionen Elisabeths radikalisierten sich um 1225 unter der Anleitung ihrer beiden Seelsorger Rodeger und Konrad von Marburg. Ein maßgeblicher äußerer Anstoß für ihre Wandlung dürfte die Hungersnot gewesen sein, mit der sie sich im gleichen Zeitraum konfrontiert sah.

Die Chronik des Erfurter St.-Peters-Klosters berichtet zum Jahre 1224, dass ein Sturm das jährliche Getreideaufkommen auf dem Feld herausgerissen hatte. Im folgenden Jahr geschah das gleiche, worauf eine große Teuerung einsetzte. Elisabeths Dienerinnen gaben zu Protokoll, dass in jener Zeit eine allgemeine Teuerung und Hungersnot herrschte. Konrad von Marburg schrieb von einer schweren Teuerung, wodurch viele Menschen Hungers starben. Nach Berthold herrschte 1226 schon drei Jahre lang in allen Teilen Deutschlands sehr starker Hunger. Bisher ungesehene Überschwemmungen und Seuchen hatten die Menschen heimgesucht.

Aus den Berichten ist ersichtlich, dass der Sturm 1224 und 1225 zweimal einen Großteil der Getreideernte vernichtet hatte, wonach der Nahrungsmangel offenbar in der ersten Jahreshälfte 1226 seinen Höhepunkt erreichte. Elisabeth öffnete die Getreidekammern und verteilte den Inhalt als Almosen an die Armen. Ob sie Zugang zu allen ludowingischen Vorräten oder nur zu einem Teil hatte, soll dahingestellt bleiben.

Nach Dietrich von Apolda oder einer späteren Fassung der Reinhardsbrunner Jahrbücher billigte der Gatte ihr Vorgehen mit dem Hinweis, Elisabeth solle ihm wenigstens die Neuenburg und die Wartburg belassen. Nach der Schilderung Konrads von Marburg verausgabte sie zunächst ihre Einkünfte aus den vier Fürstentümern ihres Gatten (Landgrafschaft Thüringen, Pfalzgrafschaft Sachsen, Markgrafschaft Meißen, Markgrafschaft Lausitz oder Hessen), dann auch sämtlichen Schmuck und alle kostbaren Gewänder. Zum Zentrum von Elisabeths Freigebigkeit entwickelte sich die Wartburg. Vor ihren Mauern sammelte sich stets eine große Menschenmenge. Die Landgräfin speiste täglich, so die spätere Angabe Dietrichs von Apolda, 900 verarmte Personen und gründete für die schlimmsten Fälle ein Hospital.

Spätere Hinweise deuten eine Reihenfolge der Ereignisse an, wonach die Hauptperiode von Elisabeths Speicheröffnung erst nach ihrer Unterwerfung unter Konrad von Marburg erfolgte. Wenn es wirklich so war, entfällt die Annahme, Elisabeths Getreideverteilung wäre der unmittelbare Anlass für die Landgrafenfamilie gewesen, sie durch eine Art Vormundschaft durch den Kirchenmann zu zügeln. Die Unterwerfung kann nicht so total gewesen sein, wie sie im Libellus - in Isentruds Aussage - behauptet wird(..)

3. 12. Das Hospital unterhalb der Wartburg und das Rosenwunder

Aus Aussagen der Dienerinnen geht ziemlich klar hervor, dass es sich beim Standort des Elisabethhospitals um den heutigen Elisabethplan handelt. Er liegt unterhalb der Burg (Wartburg), aber oberhalb der Stadt (Eisenach). Elisabeth musste von der Stadt zum Hospital hinauf reiten. Der Weg wird als steinig und mit Felsen versehen beschrieben, was mit den tatsächlichen Bedingungen übereinstimmt.

Der Libellus nennt das Hospital-Gebäude ein "großes Haus". Eine Längsfront von acht oder zehn Metern dürfte damals bereits als groß empfunden worden sein. Ein gewisser Anhaltspunkt für die Ausmaße ergibt sich aus der Anzahl der Insassen. Zwar machen weder die Dienerinnen noch Konrad von Marburg genaue Angaben, doch bereits Dietrich von Apolda und die Reinhardsbrunner Chronik berichten von 28 verarmten Menschen.

Einigermaßen informativ und ernst zu nehmen sind die Angaben von Johannes Rothe zum Baugeschehen von 1331, als an jenem Ort ein Franiskanerkloster eingerichtet wurde. Da er um 1360 geboren und Kanoniker in Eisenach war, könnte er mit Augenzeugen gesprochen haben, die Elisabeths Gebäude noch selbst gesehen haben. Personen, die Schilderungen von Augenzeugen noch selbst gehört haben, kannte er mit Sicherheit. Aus Rothes Text geht erstens hervor, dass die neue Klosterkirche sich an jener Stelle befand, an der vorher das Hospital gestanden hatte, und dass zweitens an der Kirche das Holz des Elisabethbaues verbaut wurde.

Dies deutet darauf hin, dass Elisabeths Hospital im Wesentlichen ein Holzbau war. Die Beschreibung Rothes korrespondiert mit der Nachricht vom Hospitalbau Elisabeths 1228/29 in Marburg. Dort wird ausdrücklich von einem "einfachen Häuschen aus Lehm und Hölzern" berichtet. Das Fundament dürfte wegen der Hanglage und der deshalb drohenden Unterspülung allerdings aus Stein bestanden haben. Die Grabung von 2006 bestätigte die schriftlichen Informationen. Neben der Franziskanerkirche wurde auf dem späteren Klostergelände ein steinerner Sockel von 8 x 10 Metern Ausmaß gefunden, der offenbar das Fundament von Elisabeths Hospitalgebäude war.

Schließlich muss angesichts der sicher hohen Sterberate nach dem Friedhof gefragt werden. Für die Bestattung in geweihter Erde boten sich die Hospitalfriedhöfe westlich vor der Stadt Eisenach an. Die Entfernung beträgt nur einige hundert Meter. Über den Schlossberg gelangte man zum von Elisabeth gegründeten Annenhospital. Vielleicht existierte bereits das Heiliggeisthospital, das über den Zeisiggrund zu erreichen war und hinter dem Katharinenkloster lag.

3. 13. Der Aufbruch Ludwigs IV. zum Kreuzzug

Die Kreuzzüge dienten der offiziellen Propaganda nach zwar der Sache des christlichen Glaubens, waren jedoch hauptsächlich Eroberungszüge in die Länder an der östlichen Mittelmeerküste, wo sich die heiligen Stätten der Christen, Mohammedaner und Juden befinden. Landgraf Ludwig IV. wurde bereits 1223 vom Papst zur Teilnahme aufgefordert, was Kaiser Friedrich II. durch ein Angebot von 4.000 Mark Silber unterstützte. Doch erst, als die Summe auf 5.000 Mark erhöht sowie freie Verpflegung und unentgeltlicher Transport angeboten wurden, nahm Ludwig IV. auf einem Hoftag im Mai 1224 an. Offensichtlich stand 1227 dieses Angebot noch, als Ludwig IV. das thüringische Aufgebot dem kaiserlichen Heer zuführte.

Die Entscheidung für den Kreuzzug traf Ludwig unter starkem Einfluss des Hildesheimer Bischofs Konrad II., worauf Dietrich von Apolda hinwies. Ob Konrad das verpflichtende Kreuz persönlich dem Landgrafen überreichte, mag dahingestellt bleiben. Jedenfalls lag die kirchenpolitische Kompetenz bei dem Hildesheimer Bischof, der im März 1223 vom Papst mit der Kreuzzugspredigt für die zuständige Mainzer Kirchenprovinz beauftragt worden war.

Möglicherweise vermittelte Konrad II. die Kontaktaufnahme und Einflussnahme Konrads von Marburg am thüringischen Landgrafenhof, denn durch die Propaganda für den Kreuzzug und gegen die Ketzer waren sie eng verbunden. Der um 20 bis 25 Jahre ältere Bischof genoss in jenen Jahren offenbar beim Landgrafen hohes Ansehen. Beide traten in Urkunden vom September 1223 zu Nordhausen und vom November 1224 zu Meißen gemeinsam auf. Nach dem Tode der Landgräfin griff Konrad II. übrigens in das Verfahren zur Heiligsprechung Elisabeths ein und hatte maßgeblichen Anteil an seinem Erfolg.

Ludwig besaß sicherlich mehrere Motive, am Kreuzzug nach Palästina teilzunehmen. Seine religiöse Überzeugung, den Weg Jesu nachzufolgen, sollte nicht unterschätzt werden. Druck und Versprechungen von Papst und Kaiser taten ein Weiteres. Auf Seiten der Kirche suchte er Gegengewichte gegen den Erzbischof von Mainz und zur Sicherung seiner Kirchenlehen. Die Kompetenzen Bischof Konrads II. von Hildesheim in der Kirchenprovinz Mainz konnten ihm in Hessen und Thüringen dabei sehr helfen. Derselbe Bischof wurde 1225 mit der Kreuzzugspredigt auch über die Kirchenprovinz Magdeburg betraut, zu der die Mark Meißen gehörte, so dass er dem Landgrafen bei der Beherrschung dieser Markgrafschaft beistehen konnte.

Ludwig IV. beabsichtigte, seine Macht nach Osten und Nordosten zu erweitern. In diesem Sinne unternahm er im August 1225 einen Kriegszug gegen die polnische Stadt und Burg Lebus, die er einnahm und mit einer Besatzung zurückließ. Lebus liegt nördlich von Frankfurt/Oder. Wieweit seine Ambitionen reichten, lassen die im Frühsommer 1226 von Kaiser Friedrich II. empfangenen Zugeständnisse erkennen, die er offenbar für seine Zusage zum Kreuzzug des folgenden Jahres erhielt. Neben der lang ersehnten Eventualbelehnung mit der Mark Meißen und der Lausitz, falls der letzte Angehörige der Markgrafenfamilie sterben sollte, durfte sich Ludwig soviel Land des baltischen Stamms der Preußen (Pruzzen) aneignen, wie er erobern konnte. Die Landerwerbungen vermochte er nur mit dem Einverständnis des Kaisers und letztlich auch des Papstes zu legitimieren. Deshalb führte der Weg nach Osten und Nordosten nur über den Kreuzzug nach Süden, in das Palästina der heiligen Stätten(..)

3. 14. Die Begleiter Ludwigs IV. zum Kreuzzug 1227

Durch Ludwigs Biographen Berthold sind wir über den Personenkreis ziemlich gut informiert, der mit dem Landgrafen von Schmalkalden aus aufbrach. Vor allem die Reihenfolge, die einer Rangfolge gleichkommt, ist sehr aufschlussreich: Zuerst die Grafen Ludwig von Wartburg, Burchard von Brandenburg, Meinhard von Mühlberg und Heinrich von Stolberg; der Edle Hartmann von Heldrungen, Ludolf von Treffurt und Rudolf von Bilzingsleben, der Schenk Rudolf von Vargula, Marschall Heinrich von Ebersburg, Truchsess Hermann von Schlotheim, Friedrich von Treffurt, der Kämmerer Heinrich von Fahner; die Ritter Gerhard von Ellen, Dietrich von Seebach(?), Siegfried der Rote von Spatenburg, Ludwig und Rudolf von Hausen, Heinrich von Magdeburg (?), Reinhard Varch, Berthold von Mihla und Berthold von Heilingen; die Kapläne Gerhard, Domkustos von Naumburg, der Priester und Kaplan Berthold, der mit eigener Hand dies alles notiert und zusammengeschrieben hat, Werner, Priester und Kaplan von Marburg, der Schreiber und Notar Konrad von Würzburg und viele andere Geistliche, Ritter und Ärzte.

Berthold hat verschiedene Stufen der ständischen Gliederung nacheinander erfasst: zuerst die Grafen, dann die Ritter, die offenbar Vasallen des Landgrafen waren und an deren Anfang die Inhaber der Hofämter stehen, zuletzt die Geistlichen und die Angehörigen der Kanzlei, wobei Schreiber gleichzeitig auch Geistliche waren.

Der Personenkreis gewährt einen interessanten Einblick in die Kompetenzen des thüringischen Landgrafen. Das militärische Aufgebot umfasst Vasallen, nicht aber die großen thüringischen Grafengeschlechter wie die Käfernburger, die Schwarzburger, die anhaltinischen Grafen von Weimar-Orlamünde, die Vögte von Weide oder etwa die Grafen von Beichlingen, Tonna-Gleichen oder Henneberg. Die Sage vom Grafen Ernst von Gleichen, der im Orient gefangen genommen wurde, mit Hilfe der Sultanstochter fliehen konnte und fortan in päpstlich sanktionierter Bigamie lebte, entstand erst im 14. Jahrhundert und wurde nachträglich auf eine angebliche Begleitung Ludwigs IV. bezogen.

Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts zufolge soll sich im Heer Ludwigs IV. auch der Graf Günther von Käfernburg befunden haben, nach einer Schrift von 1710 auch der Graf Ludwig von Schwarzburg. Zwar fanden sich im Mai 1228 die Grafen Heinrich von Schwarzburg und Günther von Käfernburg zusammen mit Kreuzzugsteilnehmern Ludwigs in Reinhardsbrunn ein, doch für Aufenthalte in Italien oder Palästina innerhalb der fraglichen Monate gibt es keine Belege. Heinrich von Schwarzburg wird sogar ausdrücklich in einer Urkunde des Mainzer Erzbischofs am 21. Dezember 1221, also während des Kreuzzugs, in Erfurt nachgewiesen, wo er mit weiteren thüringischen Grafen als Zeuge fungierte. Selbst wenn doch der eine oder andere Unbekannte Ludwig begleitet haben sollte, stimmt das Gesamtbild, dass die bedeutendsten thüringischen Grafengeschlechter, die keine Vasallen des Landgrafen waren, nicht mit nach Italien zogen. Ludwig IV. führte 1227 ein Aufgebot von ihm persönlich verpflichteten Kriegsleuten an und nicht das Heer des Landes Thüringen.

Den hohen Stellenwert der Wartburg unterstreicht die Voranstellung Ludwigs, des Burggrafen der Wartburg, und seines Cousins Burchard. Ludwig gehörte zu jenem Geschlecht der Wartburggrafen, das seit 1138 namentlich erfasst werden kann. Es besaß keine Grafschaft im eigentlichen Sinne, sondern war während seiner Amtszeit auf der Wartburg zur Grafenwürde aufgestiegen.

In erster Linie traf die Landgräfin auf der Wartburg mit jenem Burggraf Ludwig zusammen. Er gehörte zu den Personen, mit denen sie in Thüringen am engsten zusammengewirkt hat. Er kam auch in einer Urkunde gemeinsam mit Elisabeth vor.

Wie sein Herr kehrte er vom Kreuzzug nicht zurück, während sein Cousin Burchard noch 40 oder 50 Jahre lebte. Dieser nannte sich nach der Brandenburg bei Lauchröden - etwas mehr als zehn Kilometer westlich von Eisenach. Das Amt des Wartburggrafen wurde nicht wieder besetzt, sondern seine Aufgaben von der Hofverwaltung direkt übernommen.

Meinhard von Mühlberg und Heinrich von Stolberg sind die einzigen Grafen im Heer Ludwigs IV., von denen allerdings eine klare vasallitische Abhängigkeit vom Landgrafen nicht erkennbar ist. Sie hatten ihn schon auf früheren Zügen begleitet und waren offenbar zu unentbehrlichen Vertrauten geworden. Auch Rudolf Varch und Schenk Rudolf von Vargula gehörten zu bevorzugten Reisebegleitern.

Mit Schenk Rudolf von Vargula beginnen die Inhaber der Hofämter. Durch die Einrichtung der Hofämter unter Landgraf Ludwig III. (1172 bis 1190) hatte sich am Landgrafenhof ein fester Personenkreis herausgebildet, der dem Landgrafenhof eine gewisse Stabilität verlieh. Diese Funktionen wurde schnell erblich und stets von den gleichen Familien besetzt. Auf Rudolf folgen der Marschall Heinrich von Ebersburg und der Truchsess Hermann von Schlotheim. Als nächster kommt Hermanns Bruder Friedrich von Treffurt. Kämmerer Heinrich von Fahner schließt diese Gruppe ab(..)

3. 15. Der Tod Ludwigs IV.

Nach der Schilderung Dietrichs von Apolda ritt Ludwig von Schmalkalden aus durch Franken, Schwaben und Bayern, über die Alpen nach Italien, durch die Lombardei und Toskanien ins Königreich Sizilien, wo er in der Stadt Troia (westlich von Foggia) auf Kaiser Friedrich II. traf. Über Melfi (3. bis 5. August 1227) zogen sie zur Hafenstadt Barletta und dann die Adriaküste entlang über Bari und Monopoli (15. August) nach Brindisi, wo sie am 16. August ankamen. Von Brindisi aus segelten sie am 9. September nach Otranto.

In Otranto dehnte der Kaiser die Eventualbelehnung der Mark Meißen, falls der designierte Markgraf Heinrich minderjährig sterben sollte, auf den Sohn Ludwigs IV. aus. Offenbar fürchtete man schon um das Leben des Landgrafen.

Im Heer hatte sich eine Seuche ausgebreitet. Der Landgraf wurde noch in Brindisi von einem heftigen Fieber ergriffen. Er konnte zwar der Kaiserin noch einen Besuch abstatten, doch nach der Rückkehr auf das Schiff steigerte sich das Fieber derart, dass er die letzte Ölung erhielt und verstarb. Es war der 11. September 1227. Einige mittelalterliche Chroniken erwähnen einen tödlichen Gifttrunk durch die Staufer, den womöglich die Kaiserin dem Landgrafen verabreicht hätte. Diese Verleumdung geht offenbar auf spätere päpstliche Anschuldigungen in der Auseinandersetzung mit dem staufischen Kaiser zurück(..)

4. Vom Tod des Gatten bis Übersiedlung nach Marburg

Nach dem Tode Ludwigs IV. wurden die Gegensätze zwischen Elisabeths Auffassung, in Armut und für die Armen zu leben einerseits, und der auf Sicherung des ludowingischen Gesamtbesitzes bedachten Landgrafenfamilie andererseits unüberbrückbar. Elisabeth verließ den Landgrafenhof auf der Wartburg unter dem auf sie ausgeübten Druck. Die Dienerinnen Guda und Isentrud empfanden den Weggang deshalb als Vertreibung, wobei es sicher nicht zu einem Hinauswurf mittels körperlicher oder bewaffneter Gewalt gekommen war.

Der Vorgang wurde im Libellus von einer weiteren Dienerin (Irmingard) wohl besser beschrieben: Elisabeth habe nicht mehr die Güter ihres Gatten nutzen dürfen. Den Lebensunterhalt beim Bruder ihres Gatten zu finden, lehnte sie ab, weil sie nicht von der Plünderung und Erpressung der Armen leben wollte. Deshalb verließ sie den Fürstenhof und wollte von ihrer Hände Arbeit leben(..)

4. 1. Elisabeths Aufenthalt in Eisenach

Über Elisabeths Verhalten und Unterkommen nach dem Weggang von der Wartburg unterrichteten wiederum die Dienerinnen. Der Weggang kann kaum vor Mitte November 1227, wahrscheinlich erst 1228 erfolgt sein, denn es herrschte winterliche Kälte. Zunächst fand sie im Nebengebäude einer Gastwirtschaft Unterkunft, u. zw. in einem Haus für Hausgerät, das einst als Schweinestall gedient hatte.

Um Mitternacht ging sie zu den Minderbrüdern (Franziskanern) der Stadt und bat um das Absingen des "Te Deum". Am nächsten Tage wagte keiner der wohlhabenden Einwohner, sie aufzunehmen. Sie betrat deshalb wieder die Kirche der Franziskaner. Ihre Mägde, die wahrscheinlich gemeinsam mit ihr die Burg verlassen hatten, befanden sich bei ihr. Nun wurden ihr die Kinder überbracht, mit denen sie in das Anwesen eines Priesters einzog. Später wurde ihr das Haus eines gegnerischen Adligen zugewiesen. Obwohl weitere Zimmer freistanden, wurde sie mit ihrer Umgebung auf engem Raum zusammengedrängt. Ihr Selbstwertgefühl war immerhin groß genug, diese Kränkung nicht hinzunehmen und wieder in den ehemaligen Schweinestall zurückzukehren.

Die Schilderung ist unter dem Aspekt der bevorstehenden Heiligsprechung zu sehen und nicht in jedem Punkt wörtlich zu nehmen. Die Unterbringung in einem Schweinestall könnte beispielsweise in der Absicht aufgeschrieben worden sein, sie in die Nähe des in einem Stall geborenen Christus zu rücken.

An einem Tag in der Fastenzeit - von Aschermittwoch bis Karsamstag, die im Jahre 1228 vom 8. Februar bis 25. März währte - hatte sie in ihrer Behausung eine Gotteserscheinung. Geringe Nahrungsaufnahme und Erschöpfung riefen eine Halluzination hervor, die sie als Vision empfand. Danach folgt in den Schilderungen der Dienerinnen bereits, wie die Äbtissin von Kitzingen sich aus Mitleid ihrer Nichte annahm.

In jenen Tagen spielte auch die von ihren Dienerinnen wiedergegebene Anekdote von der Bettlerin, die Elisabeth in den Straßenschmutz stieß. Beide waren sich in einer schmalen Straße begegnet, wo Steine zum Übergang über eine tiefe Pfütze gelegt waren. Eine musste der anderen ausweichen, wobei die Bettlerin die Landgräfin so stark anstieß, dass diese das Gleichgewicht verlor und im Dreck der Straße landete. Elisabeth soll darauf nicht enttäuscht oder böse, sondern freudig reagiert und den Herrn gelobt haben.

Die auf den ersten Blick unverständliche Reaktion wird aber plausibel, wenn man beachtet, dass Elisabeth völlig dem Armutsideal nachleben wollte, sich selbst erniedrigte und wahrscheinlich auch erniedrigt werden wollte. Von der Bettlerin wurde sie in dieser Rolle akzeptiert und empfand Bestätigung.

Die Beschaffenheit der Wege in Eisenach bestätigt die Möglichkeit einer solchen Begegnung. Im Rathausbereich so genannte Trittsteine wurden gefunden. Bei Regen und Nässe konnte man nicht auf dem aufgeweichten Erdboden gehen, sondern nur über Steine, die in Schrittweite lagen und aus dem morastigen Untergrund hervorragten. Sie waren nur für eine Person ausgelegt, und bei einer Begegnung von zwei Personen entstanden sichtbare Probleme, welche die Bettlerin auf ihre Weise zu lösen verstand.

Zwei Ereignisse jener Tage bestimmten den weiteren Lebensweg Elisabeths: Die Ernennung Konrads von Marburg zu ihrem Beschützer durch den Papst und die Entsagung von weltlichen Verpflichtungen am Karfreitag(..)

4. 2. Die Bedeutung Eisenachs zur Zeit Elisabeths

In romantisierender Elisabethliteratur wird geschildert, dass Elisabeth in jener Zeit ziellos umhergeirrt und schutzlos gewesen sei. Man muss sich jedoch vor Augen halten, dass sie offenbar bis zu Mechthilds Eingreifen Eisenach nicht verließ. Als die Andechser Elisabeth von der Stadt wegholten, handelten sie vielleicht in Absprache mit der Familie ihres Gatten, die darüber nicht wenig erleichtert gewesen sein dürfte. Denn Eisenach war nicht weniger als die bedeutendste Stadt und das Machtzentrum der Ludowinger.

In der Ludowingerzeit wurde der Grundstock für den großen Bestand an Kirchen, Klöstern und Kapellen in Eisenach gelegt, so dass der Reformator Martin Luther, dessen Mutter aus Eisenach stammte und der um 1500 hier die Schule besuchte, die Stadt "Pfaffennest" nannte.

Während Elisabeths Aufenthalt besaß sie schon mindestens vier Großkirchen: die Nikolaikirche (gegründet vor 1190), die Georgenkirche (um 1182), die Katharinenkirche (1208/14) und die Kirche des Franziskanerklosters (ca. 1225). Vielleicht existierte auch schon die erst 1246 bezeugte Marien oder Liebfrauenkirche (Dom). Von Nikolai, Georgen und Franziskanerkirche sind die Grundrisse aus romanischer Zeit bekannt. Sie wiesen eine beträchtliche Größe auf und untermauern Eisenachs Hervorhebung.

Bis auf die Georgenkirche wurden diese Großkirchen von den einflussreichsten Orden beherrscht. Am Ort befanden sich die Benediktiner (Nikolaikloster), Zisterzienser (Katharinenkloster), Franziskaner und der Deutsche Orden (Marienkirche). Um 1240 kamen die Dominikaner hinzu. Eine solche Massierung gab es in keiner zweiten landgräflichen Stadt(..)

4. 3. Der Aufenthalt in Bamberg und Pottenstein - Heiratsabsichten

Etwa Ende März 1228 griffen die Andechser, die Familie von Elisabeths Mutter, in das Geschehen ein. Mechthild, die Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Kitzingen, holte die junge Witwe von Eisenach weg nach Franken. Übrigens wird in den ältesten Überlieferungen, wie im Libellus oder bei Dietrich von Apolda nichts davon gesagt, dass Elisabeth in diesem Zusammenhang in das Kloster nach Kitzingen gebracht worden wäre, sondern lediglich, dass Mechthild sie zu ihrem Bruder schickte, der Bischof Eckbert von Bamberg war.

Er brachte Elisabeth auf der Burg Pottenstein unter, gegen ihren Willen, wie ihre Dienerin Isentrud später aussagte. Die Burg liegt etwa 40 Kilometer südwestlich von Bamberg. Als die zurückkehrenden Kreuzfahrer mit den sterblichen Überresten Ludwigs IV. in Bamberg eintrafen, kehrte sie in die Bischofsstadt zurück. Doch bevor der Weg weiter verfolgt wird, einige Bemerkungen zu den Motiven für das Eingreifen der Andechser.

Oft wird auf das Erbarmen am hilflosen oder gar irren Zustand Elisabeths hingewiesen. Aus Sicht der Andechser kann es sich vielleicht so dargestellt haben. Offenbar setzten sie sich für die finanzielle Absicherung der ehemaligen Landgräfin ein, für die Rückgabe des Wittums und der aus Ungarn mitgeführten Gelder. Sie verhalfen ihr sicher zum Kompromiss mit den Ludowingern und befanden sich in dieser Hinsicht im Einverständnis mit Konrad von Marburg und letztlich auch mit Elisabeth.

In einer anderen Frage gingen die Absichten jedoch weit auseinander. Die Andechser wollten sie wieder verheiraten. Es kam offenbar zu einer heftigen Auseinandersetzung, in der wahrscheinlich Elisabeth auf die abgeschiedene Burg Pottenstein abgeschoben wurde. Nach dem Bericht der Isentrud soll sie in dieser Situation geäußert haben, sie würde sich gegen eine erneute Heirat mit aller Kraft wehren und sich gegebenenfalls die Nase abschlagen, um durch Verstümmlung für keinen Mann mehr attraktiv zu sein.

Ihr Widerstand resultierte nicht nur aus ihrer jetzigen Auffassung, sondern aus den abgelegten Gelübden. Sie hatte 1226 bereits Ehelosigkeit bei einem eventuellen Tod des Gatten gelobt und im März 1228 ihren Pflichten entsagt, wozu auch eine weltliche Ehe gehört hätte. Die Andechser hingegen wollten durch eine erneute Heirat ganz im Interesse ihrer Familie neue Verbindungen untermauern. Sie verfuhren in den Traditionen ihres Standes und in ihren Augen durchaus moralisch, jedoch war das nicht mehr die Moral Elisabeths.

In der Legendenbildung wurde Eckbert die Absicht zugeschrieben, seine Nichte mit Kaiser Friedrich zu verheiraten. Wiederum wissen die zeitgenössischen Quellen und selbst Dietrich von Apolda nichts davon. Laut Libellus deutete sie in Marburg an, ihr Sohn hätte zum Kaiser gemacht werden können. Doch darin einen Hinweis auf eine Vermählung mit Friedrich II. zu sehen, ist zu vage.

Der Verfasser des bekannten Sachsenspiegels - Eike von Repgow - schrieb wahrscheinlich jenes Zeitbuch, das in mehreren Teilen Deutschlands fortgesetzt wurde und als ”Sächsische Weltchronik” bekannt ist. Eike war Elisabeths Zeitgenosse und laut einer Urkunde vom März 1224 in Delitzsch mindestens einmal mit Ludwig IV. persönlich zusammengetroffen. Er stand demnach in ziemlicher Nähe zur Langrafenfamilie, weshalb eine Bemerkung von ihm Beachtung verdient hätte. Doch auch er wusste nur vom Tode des Landgrafen und gerade nichts von der angeblichen Heiratsabsicht. Erst süddeutsche Fortsetzer seines Zeitbuchs, die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts (nach 1324, um 1241 und um 1360) schrieben, schoben an dieser Stelle ein, Friedrich II. habe Elisabeth zur Gattin begehrt und der Bischof von Baumberg wollte sie mit Bitten und Drohungen bewegen, den Kaiser zu nehmen.

Auch der zeitliche Ablauf macht eine Heiratsanbahnung Friedrichs II. mit Elisabeth unwahrscheinlich. Dessen zweite Frau Isabella verstarb am 5. Mai 1228 im Wochenbett bei der Geburt des späteren Königs Konrad IV. Die Nachricht erreichte Franken wohl erst Ende Mai. Elisabeth hielt sich in Franken (Bamberg-Pottenstein-Bamberg) etwa von Ende März bis Anfang Mai 1228 auf. Anfang Mai 1228 war sie bei der Bestattung ihres Gatten in Reinhardsbrunn zugegen und damit dem Einflussbereich des Bamberger Bischofs wieder weitgehend entzogen. Zeit für ein diplomatisches Spiel um eine Eheverbindung bestand so gut wie keine.

Wie die Gebeine Ludwigs IV. nach Thüringen zurückgebracht wurden, hat Dietrich von Apolda ziemlich detailliert geschildert. Da im Libellus und anderen zeitgenössischen Quellen nur sehr spärliche Bemerkungen dazu vorkommen, muss man sich vorrangig auf Dietrich stützen(..)

4. 4. Die Einigung mit den Ludowingern

Eine Urkunde, die vor dem 16. Mai 1226 in Reinhardsbrunn datiert, wurde im Beisein aller Teilnehmer der Trauerfeiern ausgestellt und ergänzt den Bericht Dietrichs von Apolda. Danach muss das Begräbnis nicht lange vor dem 16. Mai erfolgt sein. Beide Zeugnisse stimmen darin überein, dass die beiden Landgrafenbrüder Heinrich Raspe und Konrad anwesend waren. Das bei Dietrich angemerkte Beisein Elisabeths und ihrer Schwiegermutter Sophia trifft sicherlich zu. Elisabeth traf demnach mit allen erwachsenen Ludowingern zusammen. Bei diesem Zusammentreffen wurde sicherlich auch der Kompromiss um Elisabeths Wittum bzw. ihre Abfindung ausgehandelt.

Die Urkunde bestätigt, dass die thüringischen Kreuzfahrer wieder in der Heimat eingetroffen waren. Von denen, die als Begleiter Ludwigs IV. 1227 namentlich aufgeführt worden waren, befanden sich im Mai 1228 in Reinhardsbrunn der Schenk Rudolf, Reinhard von Varch und Friedrich von Treffurt. Dietrich von Apolda benannte an dieser Stelle auch noch den Kreuzfahrer Ludolf von Berlstedt.

Dietrich von Apolda berichtete nun in wörtlichen Reden, wie der Schenk Rudolf in heftigen Worten dem jungen Landgrafen Heinrich Raspe sein schmähliches Verhalten gegenüber Elisabeth vorwarf und dieser den Willen und die Rechte seiner Schwägerin hinfort zu achten tränenreich versprach. Sie begehrte weder Städte noch Ländereien, sondern wollte nur so viel von ihrem Wittum, um für das Seelenheil ihres verstorbenen Gatten und ihr eigenes genug zur Verfügung zu haben. Die Verhandlungen schlossen mit der wirksamen Absicherung des Vereinbarten ab(..)

5. Die letzten drei Lebensjahre in Marburg

Elisabeth siedelte 1228 nach Marburg über. Der Zeitpunkt ist nicht genau bekannt - wahrscheinlich um die Jahresmitte. Die Umstände und Gründe wurden schon in den vorigen Kapiteln im Wesentlichen ausgeführt. Die Übersiedlung stellt wohl einen für alle Seiten einigermaßen akzeptablen Kompromiss dar, der die nächsten Jahre hielt und die Landgrafenwitwe bis zu ihrem Tode 1231 am Ort verweilen ließ.

Die ludowingische Landgrafensippe sah Elisabeth nicht ungern aus ihrem Herrschaftszentrum Eisenach/Wartburg an den westlichen Rand des Herrschaftsgebiets entfernt, wo sie ihnen gegen den Einfluss des Mainzer Erzbischofs nutzen konnte. Zugleich verloren sie gegenüber den Verwandten Elisabeths - der ungarischen Königsfamilie und den Herzögen von Andechs-Meran - nicht das Gesicht, da diese hoffen konnten, sie sei einigermaßen standesgemäß untergebracht worden. Konrad von Marburg und die hinter ihm stehenden päpstlichen Kreise sahen sich in Einfluss und Ansehen gestärkt, wenn eine Königstochter und ehemalige Landgräfin unter ihren unmittelbaren Zugriff geriet. Elisabeth selbst erlangte schließlich die Möglichkeit, in wirtschaftlicher Unabhängigkeit ihrem Armutsideal nachzuleben und von den Ludowingern nicht mehr eingeengt zu werden.

Aus diesem Grunde zog sie auch nicht auf der landgräflichen Burg über der Stadt ein, die von Burgmannen der Ludowinger bewohnt wurde, sondern suchte eine Bleibe außerhalb der Stadtmauern. Etwa einen halben Kilometer nördlich der Stadt fand sie an einem Nebenarm der Lahn ein geeignetes Stück Land, auf dem sie Gebäude für ein Hospital errichten ließ. Etwa an dieser Stelle erhebt sich heute die frühgotische Elisabethkirche. Wahrscheinlich gehörte das Terrain zu den Gütern, die sie auf Lebenszeit anstelle ihres Wittums zugesprochen bekommen hatte(..)

5. 1. Der angebliche Aufenthalt 1228 in Wehrda

Als die Gebäude des Hospitals noch im Bau waren, verschmähte es Elisabeth, in der Stadt oder Burg Marburg unter ludowingischem Zugriff zu wohnen. Sie zog in ein bäuerliches Landgut (Libellus) oder Dorf (Dietrich von Apolda). Wie im Libellus geschildert und von Dietrich von Apolda wiederholt, wollte sie dort niemandem zur Last fallen und ging in einen verlassenen Hof. Aus laubreichen Zweigen erstellte sie für ihr Häuschen ein Dach gegen den Sonneneinfall. Speisen, die sie erhalten konnte, bereitete sie hier zusammen mit ihrem Gefolge zu. Sie ertrug die Beschwernisse durch Sonne, Wind und augenreizenden Qualm des Herdfeuers geduldig, bis sie in ihr Marburger Häuschen einziehen konnte.

In der Elisabethliteratur wird zumeist angenommen, dass sie diese Zeit über in Wehrda lebte, doch lässt sich das so klar nicht belegen. Zwar bot sich der Ort geographisch an, da er vom Hospital aus in entgegengesetzter Richtung zu Marburg nur zweieinhalb Kilometer nördlich der zukünftigen Behausung lag und wahrscheinlich die erste bedeutende Ortschaft lahnaufwärts war. Doch in den Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts fehlt eine Ortangabe an dieser Stelle - auch bei Dietrich von Apolda, der um Orts- und Zeitangaben sehr bemüht war. Erst der hessische Chronist Wigand Gerstenberg, der diese Passage sonst bei Dietrich abgeschrieben hat, machte Wehrda zum Aufenthaltsort vor dem Einzug ins Hospital.

Angesichts der geographischen Nähe verwundert es wenig, dass Wehrda in anderen Zusammenhängen bereits in den ältesten Überlieferungen mit Elisabeth in Verbindung gebracht wurde. Ihre Dienerinnen Elisabeth und Irmingard berichteten aus eigenem Erleben über zwei Anekdoten aus jener Zeit, als Elisabeth sich in Wehrda aufhielt. Beim ersten Mal wurde durch ihr Gebet ein Jüngling namens Berthold derart in Hitze entflammt, dass er nach dem Tode der Landgrafenwitwe in ein Kloster eintrat. Beim zweiten Mal zwang sie durch ihr Erscheinen ein Ehepaar, das sein neugeborenes Kind im Stich gelassen hatte, zu reumütiger Rückkehr(..)

5. 2. Die Gebäude des Marburger Hospitals und Elisabeths Gewandnahme

Laut Libellus bezog Elisabeth ihre Hospitalwohnung in einem niedrigen Häuschen, das aus den Baumaterialien Lehm und Holz bestand. Wahrscheinlich handelte es sich um einen einfachen frühen Fachwerkbau, an dem die Felder zwischen den Balken des Holzgerüstes mit Astgeflecht und einer Lehmverkleidung ausgefüllt waren.

Das eigentliche Hospitalgebäude, in dem die Kranken untergebracht wurden, dürfte analog der damals üblichen Form einen lang gestreckten Grundriss besessen haben und ebenfalls ein Fachwerkbau gewesen sein. Die Patienten lagen nach Geschlechtern getrennt in zwei Reihen an den Längsseiten. Ein Mittelgang trennte beide Reihen und gestattete den schnellen Zugang zu jeder Liegestatt.

Die Kapelle, die dem hl. Franziskus geweiht war, schloss sich an der schmalen Seite unmittelbar an und war für jeden Kranken einsehbar, jedenfalls wird dies alles vermutet. Die Bestattung Elisabeths in der Kapelle ermöglichte der Nachwelt die genaue Ortsbestimmung. Im Nordchor der Elisabethkirche markiert das so genannte Mausoleum die ursprüngliche Begräbnisstätte Elisabeths.

Weitere Wohngebäude bzw. räume dürften für die Angehörigen des Hospitalpersonals erbaut worden sein. Sicherlich besaß Konrad von Marburg einen eigenen Wohnbereich. Die Wirtschaftsgebäude - also solche für Küche, Lebensmittelvorräte und handwerkliche Verrichtungen - bildeten sicherlich einen regelrechten Wirtschaftshof. Zum Anwesen dürfte auch ein Friedhof gehört haben. Eine Einfriedung - Zaun oder Mauer - umschloss das Hospitalgelände.

Die Zeitangaben zu Elisabeths Gewandnahme lassen sich aus dem Libellus folgern, der wohl glaubwürdigsten Quelle. Danach blieb Isentrud bis mehr als ein Jahr nach dem Tode Ludwigs IV. bei Elisabeth und nahm auch noch das graue Schwesternkleid. Bei einem Todesdatum des Landgrafen vom 11. September 1227 wird die Gewandnahme und anschließende Trennung etwa im Oktober oder November 1228 anzunehmen sein(..)

5. 3. Die Marburger Klostergemeinschaft

Neben der Gewandnahme wurde beim Klostereintritt offenbar das Haar geschoren. Eine Hildegund sagte im Libellus aus, dass sie als sehr junges Mädchen mit langem Haar zufällig zum Hospital kam, worauf ihr auf Elisabeths Befehl hin das Haar geschoren und sie mehr gezwungen als freiwillig zur Klosterschwester gemacht wurde. Die Protokollanten trafen sowohl Hildegund als auch das abgeschnittene Haar im Marburger Hospital noch an. Die Redewendung, jemandem "das Haar scheren", war eine im Mittelalter recht verbreitete Redewendung dafür, diesen in ein Kloster zu schicken.

Elisabeth bestand im alltäglichen Klosterleben darauf, keine Sonderrolle zu spielen und mit den anderen auf einer Stufe zu stehen. In den Aussagen des Libellus wurden verschiedene Aspekte dieses Zusammenlebens dargestellt. Am nachhaltigsten zeigt sich Elisabeths Verhalten, wenn sie bei der Krankenpflege die niedrigsten und schmutzigsten Arbeiten versah. Sie beharrte auf dem "Du" und der einfachen Namensnennung und untersagte, mit einem Herrschaftstitel angesprochen zu werden.

Beim Essen saß sie Seite an Seite mit ihren Mägden und speiste aus der gleichen Schüssel. Die Dienerinnen bzw. die Protokollanten fanden es wert festzuhalten, dass Elisabeth sich sowohl am Zubereiten der Speisen als auch am Abwaschen des Essgeschirrs beteiligte. Die scheinbaren Banalitäten enthielten einen beachtlichen Symbolwert, weil die Prozedur des Essens für den Stand und das persönliche Ansehen im Mittelalter eine große Bedeutung besaß. Selbst noch im bäuerlichen Bereich speiste der Herr nicht mit dem Knecht gemeinsam, und die Frauen mussten mitunter den Männern beim Essen stehend zusehen. Mit den gemeinsamen Mahlzeiten brach Elisabeth eine weitere Schranke und hob in ihrer unmittelbaren Umgebung den zeittypischen Abstand zwischen oben und unten auf.

Andererseits ermöglichte die gefundene Form des geistlichen Lebens, ein Verschwinden hinter Klostermauern zu vermeiden und in die weltliche Lebenswelt hineinzuwirken. Wie sie selbst bekundete, wollte sie als (Kloster)Schwester in der Welt (soror in seculo) leben. Sie bewahrte und nutzte ihre Freizügigkeit und reiste selbst noch in jener Zeit nach Kitzingen, Eisenach oder zum Kloster Altenberg.

Elisabeth bildete also mit ihrer unmittelbaren Umgebung zusammen eine klosterähnliche Gemeinschaft, welche die Unterhaltung des Hospitals betrieb. Damit ergibt sich das wohl gewichtigste Argument gegen einen Übertritt zu den Terziarinnen, die damals in ihren weltlichen Verhältnissen - wie Ehe und Beruf - weiterlebten. Hospitäler unterhielten die Franziskaner in jener frühen Zeit nicht.

Die klösterliche Hospitalgemeinschaft unterstand dem Konrad von Marburg, der offenbar kein Franziskaner war. Elisabeth hatte das Gewand aus seiner Hand erhalten. Später verfügte sie, dass nach ihrem Tode das Hospital den Johannitern und nicht den Franziskanern zugesprochen werde.

Bei allem machte Elisabeth nicht den Eindruck, als würde sie die Händel und Gegensätze zwischen verschiedenen geistlichen Orden sonderlich interessieren. Sie suchte offenbar nicht eine bestimmte Ordenszugehörigkeit, sondern ihre Intentionen zu verwirklichen. Die Diskussion, ob sie Terziarin war, scheint eher ein nachträglich aufgeworfenes Problem zu sein.

Ihre geistige Nähe zu Franziskus von Assisi ist allerdings mehrfach belegt. In Marburg gehörten Franziskaner zu ihrer engsten Umgebung. Die Kapelle des Hospitalklosters wurde zur ersten Franziskuskirche in Deutschland und bereits in einer päpstlichen Ablassgenehmigung vom 19. April 1229 als solche bezeichnet. Franziskus war erst am 16. Juli 1228 heilig gesprochen worden.

Der Ort, an dem Elisabeth und ihre Gefährtinnen das Gewand nahmen, wurde nicht exakt benannt. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass der Akt nur zusammen mit der Eröffnung des Hospitals einen Sinn ergibt, weshalb die gegen Ende des Jahres 1228 eingeweihte Hospitalkapelle auch die Stätte des Gewandaktes gewesen sein wird. Im Libellus folgt unmittelbar nach dem Einzug in das gerade erbaute Hospitalhäuschen die Annahme des Gewandes. Die Darstellungen am Elisabethschrein und im Kirchenfenster der Elisabethkirche machen diese Ortsbestimmung noch wahrscheinlicher.

Wie viele Personen zu Elisabeths Marburger Hospitalgemeinschaft gehörten, ist nicht bekannt, doch sind einige Angehörige mit Namen und Funktion genannt, so dass die Umrisse der Gemeinschaft sichtbar sind. Neben Libellus und Urkunden erschienen in den Wundergeschichten, die im Heiligsprechungsprozess aufgeschrieben und an den Papst geschickt wurden, einige Menschen aus Elisabeths Nähe als Zeugen.

Konrad von Marburg übertrieb, um dem Verfahren zur Heiligsprechung zu nützen, wenn er behauptete, er habe aus ihrer Umgebung alle Personen entfernt bis auf drei: einen Laienbruder, der ihre wirtschaftlichen Interessen wahrnahm; eine fromme, sehr unansehnliche Jungfrauen; eine adlige Witwe, die taub und sehr unfreundlich war.

In dem Laienbruder hat man einen Bruder Heinrich erkannt, der ihre persönlichen Angelegenheiten verwaltete. Laut Libellus verkaufte er in Elisabeths Auftrag Fische, damit sie an Geld herankam. Außerdem wird zu ihm gesagt, er sei ein Sohn des Grafen von Wegebach (Weibach) und später in den Franziskanerorden eingetreten. Die Wegebacher gehörten zum Familienstamm der in Hessen nicht unbedeutenden Grafen von Ziegenhain.

In der frommen Jungfrau bei Konrad von Marburg wird die Dienerin namens Elisabeth und in der adligen Witwe Hedwig von Seebach gesehen. Zur geistlichen Hospitalgemeinschaft zählten neben jener Elisabeth auch Irmingard und Hildegund, anfangs auch Guda und Isentrud.

Die oberste Autorität des Klosters verkörperte Konrad von Marburg. An seiner Seite befand sich der Bruder Gerhard von Lützelkolb, der später zusammen mit seinem Meister erschlagen und in der erweiterten Hospitalkapelle bestattet wurde(..)

5. 4. Almosenvergabe und Krankenpflege in Marburg

Wenigstens teilweise konnte Elisabeth ihren Willen gegenüber Konrad von Marburg behaupten, wenn sie Teile ihres Vermögens den Armen als Almosen übergab. Bereits in der Karfreitagsszene in Eisenach waren die unterschiedlichen Meinungen aufeinander geprallt. Während Elisabeth ihre Habe gänzlich verschenken und nur noch vom Betteln und in eigener Armut leben wollte, beharrte Konrad von Marburg darauf, dass sie ihr Vermögen für die Bezahlung von Schulden oder den Unterhalt wohltätiger Einrichtungen behielt.

Der Konflikt in dieser Frage überdauerte in der Marburger Zeit und führte offenbar zu ständigen Reibereien. Laut Libellus bekundete sie, vor ihrem Beichtvater in ständiger Furcht zu leben. Trotzdem gelangen ihr eine Reihe von Armenspenden an ihm vorbei, worüber im Libellus berichtet wurde.

Nicht lange nach ihrer Ankunft in Marburg, nachdem ihr die 2.000 Mark Abfindung ausgezahlt worden waren, ließ sie die Armen und Schwachen aus einem Umkreis von zwölf Meilen um die Stadt zusammenrufen und verteilte an sie 500 Mark an einem einzigen Tag. Als die Nacht hereinbrach, blieben diejenigen, die sich nicht mehr fortbewegen konnten, an den Stufen des Hospitals liegen. Diesen Schwächsten ließ sie nochmals je sechs Pfennige überreichen, verteilte an sie Brot und erwärmte sie durch ein Feuer. Ein Pfennig (Denar) besaß damals übrigens einen weit höheren Wert als heutzutage, denn er war die gebräuchliche Silbermünze.

Um den Armen genügend Spenden übergeben zu können, verkaufte sie heimlich goldene Ringe, seidene Gewänder und andere Kleinode. Brot, Fleisch, Mehl und andere Lebensmittel ließ sie zu den Häusern der Bedürftigen tragen und beschenkte sie eigenhändig.

Weil sie sehr viele Almosen verteilte, griff Konrad von Marburg ein und befahl ihr, nicht mehr als einen Pfennig pro Person zu vergeben. Elisabeth hielt das Gebot zwar formal ein, machte es jedoch unwirksam, indem sie die Pfennige nacheinander an die Personen überreichte. Als Konrad davon erfuhr, erlaubte er ihr nur noch die Verteilung von Brot und nicht mehr von Geld. Elisabeth verschenkte die Brote wie vorher die Pfennige nacheinander. Als er ihr nur noch die Vergabe von Brotstücken gestattete, verfuhr sie ebenso. Dieses scheinbare Eingehen auf Konrads Befehle, um sie dann doch zu umgehen, war offenbar ihr wichtigstes Mittel bei der Austragung der Meinungsverschiedenheiten.

Elisabeths Intention, auf äußeren Glanz zugunsten elementarer Lebensbedürfnisse zu verzichten, wurde in der Episode von der kostbar ausgemalten Klosterkirche deutlich, von der später auch der Reformator Martin Luther wusste. In einem Nonnenkloster, das sonst sehr arm und auf tägliche Almosen angewiesen war, hatten die Schwestern die Skulpturen ihrer Kirche kostenaufwendig vergolden lassen. Als die Nonnen ihre Kostbarkeiten Elisabeth zeigten, sagte diese zu ihnen, sie hätten die Ausgaben lieber für Kleidung und Lebensmittel verwenden, die Bilder dafür in ihren Herzen tragen sollen.

In ihrer Marburger Zeit widmete sich Elisabeth gänzlich den Aufgaben für ihr Hospital. An der Arbeit in ihrem Gothaer Siechenhaus hatte sie sich offenbar nicht und in ihrem Hospital unterhalb der Wartburg einige Zeit des Tages beteiligt. In Marburg war sie von den Verpflichtungen einer Fürstin und einer eigenen Familie entbunden und diente den gesamten Tag über den Belangen von Krankenpflege und Armenfürsorge.

Besonders aufopfernd behandelte sie kranke Kinder. Konrad von Marburg schilderte drei besonders markante Beispiele. Zuerst nahm sie einen elternlosen, gelähmten Knaben bei sich auf, den sie nachts in ihr eigenes Bett legte und bis zu sechs Mal pro Nacht zur Toilette bringen musste. Nachdem dieser gestorben war, pflegte sie in ihrem Haus ein aussätziges Mädchen. Als Konrad davon erfuhr, ließ er es aus Furcht vor Ansteckung entfernen und Elisabeth züchtigen. In seiner Abwesenheit kümmerte sie sich um einen an der Krätze leidenden Jungen, der kein Haar mehr auf dem Kopfe hatte. Sie wusch und heilte ihn, woraus ersichtlich ist, dass sie sich medizinische Kenntnisse angeeignet hatte. Dieser Junge überlebte sie und saß bei ihrem Ableben am Sterbelager.

Von einem krätzigen Jungen - wahrscheinlich demselben wie bei Konrad - berichteten sowohl Irmingard als auch die Dienerin Elisabeth im Libellus. Beide stimmten darin überein, dass er nur ein Auge hatte. Irmingard ergänzte, Elisabeth habe ihn nachts bis zu sechs Mal zum Abort getragen, was an Konrads erstes Beispiel erinnert.

Beide Dienerinnen hoben unabhängig voneinander hervor, dass die ehemalige Landgräfin die Hospitalinsassen badete und anschließend auf ihre Lager bettete. Irmingard zufolge soll Elisabeth eine besonders schrecklich aussehende Aussätzige mit Tüchern und Medikamenten behandelt haben. Als sie ihr mit Geschwüren bedecktes Gesicht mit den Händen bedeckte, wurde sie sogar geheilt. Vielleicht trat tatsächlich durch die medizinische Behandlung ein Heilung ein, vielleicht gab es ein frühes Heilungswunder.

Elisabeths Sorge um Aussätzige, wie Leprakranke genannt werden, empfand man im Mittelalter als außergewöhnlich, weshalb sie in den bildlichen Darstellungen oft zusammen mit verstümmelten Bettlern erscheint. Diese Krankheit konnte und kann zur Verunstaltung des Gesichts oder gar zum Verlust oder Teilverlust von Gliedmaßen führen(..)

5. 5. Das Schicksal von Elisabeths Tochter Gertrud und das Kloster Altenberg

Elisabeth musste sich von der am 29. September 1227 geborenen Gertrud trennen, als diese erst anderthalb Jahre alt war. Seit ihrem Weggang von der Wartburg bis zu dieser Trennung, die demnach im Februar/März 1229 stattfand, hatte Elisabeth auf all ihren Stationen ihr jüngstes Kind mit sich geführt. Es war noch nicht lange der Mutter entwöhnt, als Konrad von Marburg den Abschied befahl.

Die Dienerin Irmingard sagte laut Libellus aus, der Befehl Konrads sei erfolgt, damit Elisabeth nicht durch die Liebe zu ihrem Kind im Dienst für Gott behindert wird. Von einem Gelübde der Eltern wie in späteren Quellen, Gertrud solle in ein Kloster gegeben werden, ist im Libellus nicht die Rede. Dass Konrad ausdrücklich einen Befehl erteilen musste, macht ein elterliches Gelübde ziemlich unwahrscheinlich.

Gertrud kam in das Prämonstratenserinnenkloster Altenberg, in dem sie ihr gesamtes weiteres Leben verbrachte. Konrad von Marburg hatte enge Beziehungen zu dem 60 Kilometer westlich bzw. lahnabwärts von Altenberg gelegenen Prämonstratenserkloster Arnstein und diesen Standort vermutlich ausgesucht. Später wurde Gertrud erst zwanzigjährig am 15. August 1248 in Altenberg zur Äbtissin gewählt.

Zu jener Zeit hatte der thüringischhessische Erbfolgekrieg (1247-1263) angefangen, in dem ihre Schwester Sophia und deren Sohn Heinrich erfolgreich den hessischen Anteil des ludowingischen Besitzes an sich brachten und den Grundstein für die Landgrafschaft Hessen unter einer neuen, mit Heinrich beginnenden Dynastie legten. Gertrud half und nutzte, wie die Schwester, das Andenken der heilig gesprochenen leiblichen Mutter zur Legitimation der neuen Herrschaft. Diese Absicht spielte u. a. eine Rolle bei der reichen Sammlung von Elisabeth-Reliquien, den sie im Kloster Altenberg zusammentrug.

Sie starb am 13. August 1297 in ihrem Kloster, wo sie auch begraben wurde. Da Dietrich von Apolda in seiner wichtigen Elisabethbiographie sie als Lebende erwähnte, muss er sein Werk vor Gertruds Tod abgefasst haben. Ihre Grabplatte, die vermutlich im Zusammenhang mit ihrer Seligsprechung von 1348 entstand, ziert heute noch die Altenberger Klosterkirche.

Elisabeth versuchte, mit ihrer kleinen Tochter in Verbindung zu bleiben. Laut Libellus lieferte sie dem Kloster in Altenberg selbstgesponnene Wolle, die sie sich bezahlen ließ. Konrad von Marburg stellte sie in dem Kloster auf die Probe. Wie Irmingard im Libellus schilderte, befahl er Elisabeth nach Altenberg, um ihre Unterbringung im Kloster mit ihr zu beraten. Die Nonnen baten ihn, ihr das Betreten der Klausur zu gestatten, damit sie sich von ihr ein Bild machen konnten. Die Klausur war der innere Bereich des Klosters, der nur den Nonnen vorbehalten war(..)

5. 6. Konrad von Marburg

Nach dem Tode des Gatten und der Übersiedlung Elisabeths nach Marburg wurde Konrad von Marburg vollends ihre einzige akzeptable Bezugsperson. Er strebte danach, ihren Willen zu brechen und die Abkehr von der letzten noch so geringen Eitelkeit zu erzwingen, damit sie ihre Bestrebungen einzig auf Gott richten sollte. Die im Libellus und in Konrads Elisabethvita diesbezüglich ziemlich übereinstimmenden Bemerkungen sind auf die Heiligsprechung gerichtet und dürften überhöht sein, weil nach damaligem Weltverständis sie Gott näher kam, je größer die Demütigungen waren. Vieles hat sich aber sicherlich so oder so ähnlich wie beschrieben ereignet.

Der gestrenge Beichtvater trennte sie von den vertrauten Dienerinnen, die viele Jahre mit Elisabeth zusammengelebt hatten. Stattdessen gab er ihr wenig einfühlsame und unfreundliche Begleiterinnen zur Seite. Auf seine Anordnung hin musste sich Elisabeth von ihrer letzten und jüngsten Tochter trennen. Die Möglichkeiten zur Verteilung von Almosen trachtete er weitgehend zu unterbinden. Immer häufiger und derber peitschte er seine Schutzbefohlene. Sein Anteil an der seelischen und körperlichen Auszehrung, die zum frühen Tod Elisabeths führte, dürfte kaum zu unterschätzen sein.

Um ihre seelischen Schmerzen zu steigern und dadurch ihre Seele zu läutern, trennte Konrad sie nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt von allen vertrauten Dienerinnen, sondern einzeln und nacheinander. Zuletzt entfernte er Isentrud, die davon im Libellus berichtete, und schließlich die Jugendgefährtin Guda. An ihre Stelle setzte er Frauen, die auf seinen Befehl hin Elisabeth bespitzelten und ihm alles mitteilten, was sie aus angeblichem Ungehorsam tat.

Wann Konrad von Marburg geboren wurde, ist nicht bekannt; es muss irgendwann in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts gewesen sein. In den Urkunden taucht er erstmals 1191/1204 auf. Der Altersunterschied zu Elisabeth macht seine Rolle als Vaterfigur noch glaubhafter(..)

5. 7. Der Tod Elisabeths

Elisabeths Leben verlosch bereits nach etwas mehr als 24 Jahren. Wegen enormer seelischer und körperlicher Anstrengungen konnte sie einer tödlichen Krankheit kaum noch Widerstand entgegensetzen. Drei Schwangerschaften in jugendlichem Alter und eine auf die Abtötung weltlich-körperlicher Bedürfnisse gerichtete Lebensführung mit Schlafentzug, mit Fasten und Unterernährung, mit Kälte und mangelnder Hygiene hatten ihre Gesundheit ruiniert. Die psychischen Belastungen wie der Tod des Gatten, die Trennung von den Kindern und der ständige Umgang mit Kranken und Sterbenden hatte ihren Lebenswillen untergraben. Schon vor ihrer todbringenden Erkrankung hatte sie sich manchmal auf die Erde gelegt und sich dabei bereits wie im Sarge gefühlt.

Andererseits hatte sie sich trotz aller Entbehrungen selbst nicht aufgegeben und keine gezielte Selbstzerstörung betrieben. Ihre Dienerin Irmingard berichtete, dass Elisabeth einen Arzt konsultiert hatte, um eine sinnvolle Lebensweise zu praktizieren und nicht durch zu große Entbehrungen einer Krankheit zu verfallen. Sie handelte so aus Furcht, in die Nähe einer Selbstmörderin zu geraden und sich vor Gott wegen übermäßiger Askese verantworten zu müssen.

Über ihre letzten Tage und Stunden informierten Konrad von Marburg und der Libellus ziemlich ausführlich. Konrad litt gerade selbst unter einer schweren Krankheit und rechnete mit dem Tode. Auf seine Frage, was sie ohne ihn tun werde, antwortete Elisabeth, obwohl äußerlich noch gesund, nicht er, sondern sie werde bald sterben. Vier Tage später brach die Krankheit bei ihr aus, die wiederum 15 Tage danach ihr Leben auslöschte. Drei Tage vor dem Tode trat sie ins akute Stadium - Elisabeth verfiel in große Schwäche, spürte aber keinerlei Schmerzen.

Dann verlangte sie, alle Personen weltlichen Standes aus ihrer Umgebung zu entfernen, damit sie ungestört über ihren Richter nachsinnen könne. Nach einem Brief der Äbtissin aus dem reichlich zehn Kilometer nördlich von Marburg gelegenem Wetter soll dies zwei Tage vor ihrem Tode geschehen sein. Die Anwesenheit dieser Äbtissin wurde im Libellus bestätigt. Nach einer Nachricht von 1235 hieß sie Lutrudis. Ihr Schreiben - von einer Augenzeugin also - ergänzt die Berichte über Elisabeths Ableben.

Ohne die Lippen zu bewegen, habe Elisabeth aus der Kehle heraus in den schönsten Tönen gesungen. Laut ihrer Dienerin Elisabeth sang sie wenige Tage vor ihrem Tode derart die Melodie eines nur von ihr gehörten Vögleins nach. Laut Konrad von Marburg war dies an ihrem Todestag zu hören.

Am 16. Oktober nach der Frühmesse - nach Sonnenaufgang - nahm Konrad ihr die letzte Beichte ab. Anschließend fragte er, was mit ihrem Hab und Gut geschehen solle. In seiner Elisabethvita gab er lediglich an, dass er nach ihrem Willen alles unter den Armen verteilen sollte. Die Äbtissin von Wetter und übrigens auch Caesarius von Heisterbach beschrieben Elisabeths Antwort weit ausführlicher. Die Sterbende fand die Frage sehr wunderlich, da sie am Tage ihrer Unterwerfung - zweifellos meinte sie den Karfreitag 1228 - auf ihren eigenen Willen, auf ihre Kinder und auf alle körperlichen und weltlichen Vergnügen verzichtet hatte. Nur auf seinen Einspruch hin habe sie die ihr zustehenden irdischen Güter behalten, um Schulden bezahlen und Almosen spenden zu können. Elisabeths Antwort beinhaltete ziemlich genau dieselben Aussagen, die Konrad von Marburg für den bewussten Karfreitag gemacht hatte.

Konrads Frage nach ihrem Testament ist in der Literatur für einen missglückten Versuch gehalten worden, ihr Vermögen zu erschleichen. Doch da sie einen Teil nur auf lebenslange Nutzung besaß und der andere Teil durch ihren Wunsch letztlich doch in die Verfügung Konrads gelangte, der zudem keinen persönlichen Reichtum erstrebte, scheint diese Annahme unzutreffend. Vielmehr ließ er sich seine offensichtlich bestehende Verfügungsgewalt unter Zeugen noch einmal bestätigen, was die mit den Gedanken bereits im Jenseits befindliche Elisabeth nicht mehr verstand.

Elisabeth wusste um ihr bevorstehendes Ableben und machte weder sich noch anderen etwas vor. Sie wusste, in einer Gemeinschaft und nicht irgendwo einsam zu sterben. Da sie oft Sterbende in ihren letzten Stunden begleitet hatte, besaß der Tod für sie nichts Unbekanntes oder Unheimliches; man konnte offen darüber sprechen und brauchte kein Tabu zu beachten.

Konrad von Marburg schilderte den Ablauf des letzten Tages im Leben Elisabeths. Nicht von Mitternacht zu Mitternacht zählte er die Stunden, sondern wie damals üblich von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang. Wenn er berichtete, dass sie in der ersten Stunde den Leib des Herrn (Opferbrot im Gottesdienst) empfing, geschah dies nicht eine Stunde nach Mitternacht, sondern innerhalb der ersten Stunde nach Sonnenaufgang. Bis zur Vesperstunde, also dem späten Nachmittag, redete sie über Predigten und über die Evangelien, besonders über die Erweckung des Lazarus. Zu den Frauen und Männern, die wehklagend um ihr Lager saßen, sagte sie die Worte, die Jesus auf seinem letzten Weg das Kreuz tragend zu den ihm folgenden Frauen sprach: "Töchter Jerusalems, weint nicht über mich, sondern über euch selbst"(..)

6. 1. Die Bemühungen um die Heiligsprechung

Das Verfahren zur Heiligsprechung verlief in zwei unterschiedlichen Phasen. Zuerst trieb vor allem Konrad von Marburg die Sache voran, wobei er die zunehmende Popularität Elisabeths für seinen Kampf gegen das Ketzerwesen ausnutzte. Mit seiner Ermordung Ende Juli 1233 trat eine etwa einjährige Unterbrechung ein. In der zweiten Phase dominierten die Ludowinger. Der in den Deutschen Orden eintretende Konrad von Thüringen - nicht mit Konrad von Marburg zu verwechseln - richtete die Verehrung Elisabeths immer mehr auf die Steigerung der Macht und des Ansehens seines Orden aus.

Bereits kurz nach Elisabeths Tod setzten die Wallfahrten zum Grab ein, die von den Hospitalinsassen tatkräftig gefördert wurden. Besonders Konrad von Marburg engagierte sich durch Predigten vor der immer größer werdenden Menschenmenge. Im Frühjahr 1232 begann er anstelle der kleinen Hospitalkirche um Elisabeths Ruhestätte herum eine Steinkirche errichten zu lassen, die immerhin 34 Meter Länge und 10 Meter Breite messen sollte. Etwa zur gleichen Zeit informierte er die päpstliche Kurie von den ersten Wundern am Elisabethgrab.

Zu jener Zeit hatte sich für die Heiligsprechung gerade ein bestimmter Modus herausgebildet. Der Papst hatte sich als entscheidende Instanz behauptet. Das eigentliche Verfahren lief in drei Stufen ab: Zuerst musste ein Antrag gestellt werden, der vor allem eine Lebensbeschreibung und einen Bericht über Wunder beinhaltete. Zweitens wurde das vorgelegte schriftliche Material von päpstlicher Seite überprüft. Nach einem positiven Prüfungsergebnis wurde drittens die Heiligkeit feierlich verkündet und in einer Urkunde festgehalten.

Um das Eigentumsrecht am Marburger Hospital wurde im Jahre 1232 zwischen den Johannitern und den Ludowingern gestritten. Die Landgrafen Heinrich Raspe und Konrad berichteten an den Papst, dass die Übereignung an den Johanniterorden durch die verstorbene Elisabeth - offenbar mit ihrem letzten Willen und von Konrad von Marburg verschwiegen - zu Unrecht geschah. Der kirchenrechtlich zuständige Erzbischof Siegfried III. von Mainz, ein Rivale der Ludowinger, musste sich am 27. Juli 1232 rechtfertigen, den Johannitern niemals Elisabeths Hospital zugesprochen zu haben. Eine päpstliche Schiedskommission, in der sich Konrad von Marburg den Vorsitz gesichert hatte, entschied am 2. August zugunsten der Ludowinger und wies die Johanniter auf ewig ab.

Am 10. August 1232 erfolgte die Weihe von zwei Altären in der im Neubau befindlichen Hospitalkirche Elisabeths. Konrad von Marburg nutzte die Anwesenheit des Mainzer Erzbischofs, der die Kompetenz für das Verfahren zur Heiligsprechung besaß. Am 11. August eröffnete Konrad die Befragung von Zeugen über die Wunder. Der Erzbischof fühlte sich überrumpelt und reiste bald ab, siegelte jedoch wie auch einige Äbte und weitere Prälaten den angefertigten Bericht ab. Dieser Bericht umfasste 60 Wunder und die kurzgefasste Lebensbeschreibung Elisabeths, die Konrad von Marburg niedergeschrieben hatte.

Ihm war nicht nur die Einbindung des Erzbischofs, sondern auch der Landgrafen gelungen. Es dürfte einiges diplomatisches Geschick gekostet haben, die Ludowinger mit dem verfeindeten Mainzer an einem Ort zusammenzuführen. Die Brüder Heinrich Raspe und Konrad waren beim Verhör am 11. August 1232 nämlich ebenfalls zugegen und legten Zeugnis ab. Landgraf Heinrich berichtete über ein Wunder vom 7. Juni 1232. Wie schon das ludowingische Eingreifen bei der Eigentumsregelung um das Marburger Hospital gezeigt hatte, engagierten sich die beiden Landgrafenbrüder bereits früh, um die Elisabethverehrung in ihrem Sinne zu nutzen. Bis 1234 dominierten sie zwar das Heiligsprechungsverfahren noch nicht, aber von einem Desinteresse der Familie Ludwigs IV. und Elisabeths in der ersten Phase kann keine Rede sein.

Die Ludowinger waren wahrscheinlich noch nicht so stark involviert, weil der Erzbischof von Mainz Siegfried III. großen Einfluss auf das Verfahren besaß, der es jedoch nur halbherzig vorantrieb. Sie befanden sich mit ihm in einer heftigen Auseinandersetzung, auf deren Höhepunkt Landgraf Konrad die erzbischöflich-mainzische Stadt Fritzlar eroberte, zerstörte und einen Teil der Einwohner umbrachte. Das geschah am 15. September 1232, nur einen reichlichen Monat nach der persönlichen Begegnung in Marburg. Einige Monate später versöhnten sich beide Seiten, so dass am 4. Februar 1233 der Papst einen Vergleich zwischen dem Erzbischof Siegfried und dem Landgrafen Konrad bestätigen konnte.

Die durch Konrad von Marburg eingesandten Materialien wurden von der päpstlichen Autorität zwar für nicht ausreichend empfunden, förderten aber die Aufmerksamkeit für das Marburger Anliegen. Am 12. Oktober 1232 gewährte der Papst Pilgern zum Hospital Elisabeths einen 40-tägigen Ablass. In zwei Mandaten von 13. und 14. Oktober 1232 erteilte Papst Gregor IX. den Auftrag, weitere Zeugen über die Wunder während Elisabeths Leben und an ihrem Grabe zu verhören, diese zu untersuchen und die Ergebnisse dem Kirchenoberhaupt zu übermitteln. Die Untersuchung wurde einer Kommission mit Erzbischof Siegfried von Mainz, dem Abt Raimund von Eberbach und dem Magister Konrad von Marburg übertragen.

Im Januar 1233 begannen die Vernehmungen zu den Elisabethwundern. Über 600 Zeugen wurden gehört und 105 Wunder aufgezeichnet. Allein 43 nahm der Abt Raimund von Eberbach auf. Er stand einem sehr wohlhabenden Zisterzienserkloster vor, das einige Kilometer rechts des Rheins und etwa 12 bis 15 Kilometer nordwestlich der erzbischöflichen Stadt Mainz lag. Nach seiner Ankunft in Marburg wurde er von seinen chronischen Rückenschmerzen geheilt und sagte darüber selbst als Zeuge aus.

Nach Ende der Zeugenanhörung sandte Konrad von Marburg die angefertigten Protokolle etwa Ende Februar/Anfang März 1233 an den Papst. Seine Lebensbeschreibung, die diesmal zum amtlichen Bericht aufgewertet wurde, legte er ein zweites Mal bei.

Konrad von Marburg sah in jenen Jahren seine Lebensaufgabe im Kampf gegen die Ketzer. Das Verfahren zur Heiligsprechung Elisabeths diente nicht zuletzt zur Ausnutzung der zunehmenden Popularität der Verstorbenen, um der offiziellen Kirche Anhänger zu erhalten und zu mobilisieren. Die so genannten Ketzer oder Häretiker verstanden sich im Mittelalter keineswegs als Atheisten, sondern als strenggläubige Christen, deren Auffassungen jedoch von der gültigen Kirchenlehre abwichen. Das Papsttum mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch duldete keine Abweichungen und verfolgte sie bis hin zu Massenabschlachtungen(..)

6. 2. Heiligsprechung und Erhebung der Gebeine

Über den Abschluss des Heiligsprechungsprozesses informiert ein wahrscheinlich vom päpstlichen Schreiber und Dominikaner Raimund de Peñaforte abgefasstes Traktat. Der Heilige Vater ließ die eingereichten Zeugnisse von einem Konsistorium überprüfen, dem die Patriarchen von Antiochia und Jerusalem, Kardinäle, viele Erzbischöfe, Bischöfe und verschiedene Prälaten angehörten. Sie beschlossen einmütig, dass Elisabeth würdig sei, unter die Heiligen aufgenommen zu werden.

In Perugia, wo sich der Papst vom Herbst 1334 bis August/September 1935 aufhielt, wurde zu Pfingsten 1235 (27. März) Elisabeth heilig gesprochen. Eine große Prozession führte zum Dominikanerkloster. Vor einer großen Menschenmenge und unter Messopfern verkündete Gregor IX. den Beschluss. Konrad von Thüringen spendete im Namen des Deutschen Ordens Leuchter für die Prälaten und Kerzen für die Menge, lud ungefähr 300 Geistliche zum Mahle ein, beschenkte viele Klöster und Eremiten und verteilte schließlich an Tausende Leute Speisen, Wein und Geld.

Die Urkunde zur Heiligsprechung (Kanonisationsbulle) datierte auf den 1. Juni 1235. Darin legte Gregor IX. den Tag der heiligen Elisabeth auf den 19. November, den vermeintlichen Todestag. Die Angelegenheiten um Elisabeths Heiligsprechung beschäftigten den Papst noch einige Tage und Wochen. Am 4. Juni bestätigte er dem Deutschen Orden einige durch die thüringischen Landgrafen Heinrich Raspe und Hermann II. übergebene Besitzungen und stellte einen Ablassbrief zugunsten der durch Konrad in Fritzlar zerstörten Kirche aus. Am 7. Juni unterzeichnete er einen Brief an die Königin Beatrix von Kastilien, in dem er über Elisabeth berichtete und eine wichtige Quelle über sie abfassen ließ. Schließlich vergab er am 22. Juni nochmals Privilegien an das ludowingische Hauskloster Reinhardsbrunn.

Am 1. Mai 1236 schließlich erfolgte die feierliche Überführung (Translation) der sterblichen Überreste Elisabeths. Über diesen Akt sind wir durch zwei Beschreibungen ziemlich gut unterrichtet: erstens durch eine kurze Schilderung eines anonymen Verfassers und zweitens durch eine Predigt des Caesarius von Heisterbach. Eine Translation war im Mittelalter die rituelle Übertragung der Gebeine eines Heiligen von einem wenig angesehenen Ort - meist dem Grab - zu einem weit würdigeren Platz, wo sie der öffentlichen Verehrung sicher sein konnten.

Sieben Deutschordensherren mit dem Prior Ulrich - der Deutsche Orden hatte inzwischen Elisabeths Hospital übernommen - öffneten drei Tage vorher das Grab. Von der Leiche soll kein Gestank, sondern ein Wohlgeruch ausgegangen sein. Leib und Knochen sonderten angeblich Öl ab. Vermutlich wurde der Leichengeruch von kundigen Mönchen mit Öl oder Salbe neutralisiert. Die Absonderung eines Wohlgeruchs galt als Zeichen der Heiligkeit der Toten. Die Ordensbrüder hüllten den Leib in einen Purpurmantel ein, legten ihn in eine Bleitruhe und stellten das Ganze in das Grab zurück.

Eine riesige Menschenmenge war in Marburg zusammengekommen, wie Caesarius bemerkte, aus Deutschland, Böhmen, Ungarn und Frankreich, womit auch die Hauptländer der Elisabethverehrung umrissen sind. Ein Chronist schätzte zwölfmal einhunderttausend Personen; die maßlose Übertreibung lässt die Einmaligkeit des Geschehens ahnen. Der 1. Mai 1236 fiel auf einen Donnerstag und nicht auf einen Sonntag. Als Tag der hl. Walburga war er vielmehr ein Feiertag. Die gebürtige Angelsächsin Walburga hatte im 8. Jahrhundert dem hl Bonifatius beim Aufbau de kirchlichen Struktur in deutschen Landen begleitet und war im Mittelalter sehr populär(..)

7. Die Reliquien der hl. Elisabeth

Elisabeths Gebeine erlitten in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten ein heute befremdlich wirkendes Schicksal, das für Heilige im christlichmittelalterlichen Europa jedoch typisch war. Das Skelett wurde in Gliedmaßen oder sogar in Knochensplitter zerlegt und z. T. in wertvolle Kunstschmiedearbeiten gefasst. Einige Stücke wurden bereits in vorreformatorischer Zeit entfernt und an einflussreiche Personen oder Institutionen vergeben. Inzwischen sind die Gebeine Elisabeths längst über viele Städte und Länder verstreut, nur an ihrer eigentlichen Grabstätte in Marburg gibt es wahrscheinlich keine vorzeigbaren Zeugnisse mehr.

Die Lutherische Reformation verwarf den Reliquienkult. Der hessische Landgraf Philipp der Großmütige (1509-1567), der Reformation besonders zugetan, führte einen Schlag gegen die katholische Heiltumsverehrung, als er 1539 die Gebeine aus dem Elisabethschrein entfernen ließ. Nach der Niederlage im Schmalkaldischen Krieg musste Philipp 1547 einer Einigung mit dem Deutschen Orden zustimmen. Die Elisabethreliquien bzw. das, was davon noch übrig war, wurden 1548 vom hessischen Statthalter an den Deutschmeister zurückgegeben.

Die zurückgekehrten Reliquien wurden nicht mehr in den Elisabethschrein gelegt, sondern in der Sakristei der Elisabethkirche eingeschlossen. In der Folge verlor sich die genaue Kenntnis des Aufenthaltsortes. Wahrscheinlich ließ 1588 der damalige Deutschmeister Erzherzog Maximilian von Österreich Überreste nach Wien überführen, wo sie 1782 von Kaiser Joseph II. dem Kloster der Elisabethinen geschenkt wurden.

Bei der Aufhebung des ersten Grabes 1236 wurde der Schädel abgetrennt und genoss hinfort besondere Verehrung, da der Kopf einer Heiligen als Hauptreliquie galt. Der Kaiser Friedrich II. stiftete eine goldene Krone, auf die noch einzugehen sein wird. Die gesamte Kopfreliquie wurde während und nach der Zeremonie von 1236 wahrscheinlich nicht in die Bleilade und später in den Elisabethschrein gelegt, sondern sichtbar aufgestellt.

Als 1539 Landgraf Philipp den Zugriff befahl, befanden sich Schädel und Kopfreliquiar in einem Sakristeischrank. Zusammen mit den übrigen Gebeinen wurden sie zunächst ins Marburger Schloss, die Knochenteile 1546 nach Ziegenhain und wahrscheinlich letzten Endes auf die Wasserburg Wommen an der Werra gebracht. Bei der Rückgabe an den Deutschen Orden war das "Haupt mit einem Kinnbacken" noch vorhanden und wurde in den folgenden Jahrzehnten in der Sakristei der Elisabethkirche aufbewahrt. Das weitere Schicksal lässt sich nicht mehr mit Sicherheit ausmachen. Nicht weniger als sieben Schädel (oder Schädelfragmente) wurden der hl. Elisabeth zugeschrieben. Sie sollen in Wien, Brüssel, Besançon, Breslau (Wroclaw), Bogotá, Viterbo und Prag vorhanden sein(..)

8. Elisabethreliquien in Eisenach und auf der Wartburg

Mit Eisenach verbindet sich das legendenhafte Auftauchen einer Rippe Elisabeths. Im thüringischhessischen Erbfolgekrieg sollen sich der meißnische Markgraf Heinrich der Erlauchte und die Tochter Elisabeths, Sophie von Brabant, in einer Eisenacher Kirche 1253 oder 1254 getroffen haben. Sophie legte eine aus Marburg mitgeführte Rippe auf dem Altar nieder und ließ den Markgrafen darauf schwören. Doch dieser hielt gegen und leisteten einen Eid, dass Thüringen ihm und nicht Sophies Sohn zustehe.

Eine Begegnung und ein Vertrag kamen 1250 auf der Wartburg und in Eisenach zustande, doch über eine Wiederholung drei oder vier Jahre danach berichtet keine zeitgenössische Quelle. Erst die Reinhardsbrunner Jahrbücher schildern, wie sich Heinrich der Erlauchte und Sophie 1253 in Eisenach begegneten. Danach fand die Begegnung in der Eisenacher Predigerkirche statt, womit die als Gebäude noch erhaltene Kirche des Dominikanerklosters gemeint war. Von einer Rippe ist in der Reinhardsbrunner Überlieferung keine Rede. Johannes Rothe und andere Eisenacher Quellen stellen die Begegnung knapper, aber in der Sache identisch dar.

Die Rippe erwähnte erstmals der in Hessen beheimatete Geschichtsschreiber Wigand Gerstenberg, der seine thüringischhessische Landeschronik erst zweieinhalb Jahrhunderte nach dem angeblichen Ereignis schrieb. Danach wurde sie, in ein weißes reines Tuch eingebunden, von Sophie auf den Altar gelegt. Der Moment, in dem Heinrich seine beiden Schwurfinger auf die Reliquie setzte, ist in einer Zeichnung festgehalten. Im Unterschied zu den thüringischen Quellen ließ Gerstenberg die Szene nicht in der Predigerkirche, sondern im Katharinenkloster stattfinden - auch die Zeichnung in Gerstenbergs Chronik zeigt im Hintergrund einen Katharinenaltar. Eine genaue Jahreszahl nannte er nicht; die Szene spielt zwischen 1250 und 1255.

Die Unterschiede zwischen der thüringischen (Reinhardsbrunn, Eccardiana, Rothe) und der hessischen (Gerstenberg) Darstellung legen nahe, dass der Hinweis auf die Rippe Elisabeths eine hessische Überlieferung war, die Ansprüche auf thüringische Gebiete untermauern sollte und deren Wahrheitsgehalt zweifelhaft ist, denn ein derartig markantes Objekt wäre in den thüringischen Werken des Mittelalters nicht ohne Spuren geblieben.

Auch auf der Wartburg befanden sich im Mittelalter einige Elisabethreliquien. Die wichtigsten Zeugnisse aus ihrem Besitz wurden nur einen Teil des Jahres innerhalb der eigentlichen Burganlage, ansonsten im 1331 gegründeten Franziskanerkloster unterhalb der Burg aufbewahrt. Bisher galt es nach den schriftlichen Nachrichten und bekannten Überresten am Platz von Elisabeths Hospital als Klösterlein von sechs Mönchen. Eine archäologische Grabung von 2006 ergab einen Mauerring von Ausmaßen zwischen 100 und 70 Metern und einen Kirchengrundriss von 25 x 12,5 Metern, wonach die Wallfahrten zahlreiche Menschen angezogen und zum Klosterbetrieb ein größerer Personenkreis gehört haben muss. Nach einer Urkunde von 1491 hatten die Mönche jeweils während der Pfingstwoche in einer Prozession die Heiltümer von der Wartburgkapelle des Palas in ihr Kloster getragen, wo sie wahrscheinlich öffentlich ausgestellt wurden.

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden die markanten Stücke an verschiedene Fürstinnen ausgeliehen, um bei Geburten schmerzstillend zu wirken. Vor allem die Gattinnen der wettinisch-sächsischen Herzöge nahmen sie in Anspruch, aber auch Frauen der Markgrafen von Brandenburg aus dem Hause Hohenzollern, das mit den Wettinern verwandt und politisch verbündet war. Über die Reliquien bestimmte der regierende Landesherr Herzog Wilhelm der Tapfere (regierte 1440/45 bis 1482) und seine Gattin Katharina von Brandenstein. Schon bald wurden die Stücke nicht mehr jedes Mal zum Wartburgkloster zurückgeleitet, sondern verblieben in der zur thüringischen Residenz gewordenen Stadt Weimar. In der erwähnten Urkunde von 1491 klagten die Eisenacher Franziskaner über den Verlust(..)

9. Äußerungen Martin Luthers über die hleilige Elisabeth

Dreihundert Jahre nach Elisabeth bezog eine weitere historische Persönlichkeit auf der Wartburg Quartier: Martin Luther. Vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 hielt er sich vor dem Zugriff seiner Feinde auf der Burg versteckt und übersetzte in den letzten Wochen das Neue Testament, den jüngeren Teil der Bibel. Die Wartburg verbindet somit zwei zentrale Gestalten der beiden christlichen Hauptkonfessionen.

Die Äußerungen Luthers über die hl. Elisabeth unterstreichen die Verbindung zwischen den beiden ehemaligen Wartburgbewohnern. Er dürfte bereits in seiner Kindheit von der Landgräfin gehört haben. Zu Eisenach waren seine Beziehungen besonders eng, da seine Mutter aus der Stadt stammte und er selbst drei lang Jahre hier die Schule besucht hatte.

Luther äußerte sich über Elisabeth in dreierlei Hinsicht: Erstens gab er biographische Daten wieder, zweitens erkannte er ihre Einstellung und Leistungen an, und drittens zog er sie zur Ausformulierung von Glaubensgrundsätzen heran.

In einem Brief von 1519 an Georg Spalatin, den Sekretär seines Landesherrn, wusste er zu schildern, dass Elisabeth von Papst Gregor IX. zur Zeit des Kaisers Friedrich II., noch nicht vier Jahre nach ihrem Tode, heilig gesprochen wurde. Nach den Tischreden, die von seinen Tischgenossen aufgeschrieben worden sind, soll er im August 1537 die Heiligsprechung unter Kaiser Friedrich in das Jahr 1207 datiert haben. Ob Luther ein falscher Zungenschlag unterlief oder fehlerhaft mitgeschrieben wurde, auf jeden Fall wusste er es besser. Im Dezember des gleichen Jahres 1537 muss er ausgiebig über sie berichtet haben, denn in den Tischreden steht: "Vieles hat er über die Legende von der hl. Elisabeth gesagt, die im Jahre 1207 geboren worden ist, als Otto und Philipp um die Herrschaft stritten. Elisabeth aber hat nicht über 24 Jahre ihres Alters hinaus gelebt. Fünf Jahre nach ihrem Tod ist sie von Gregor IX. heilig gesprochen worden; da ist sie von vielen Leuten angerufen worden, die sie im Leben gekannt haben."

In Kenntnis ihrer Handlungen zollte Luther der hl. Elisabeth mehrfach seine Anerkennung. In den Randbemerkungen zu Predigten des Dominikaners Johannes Tauler, mit denen er sich um 1516 beschäftigte, notierte er: "Nicht so sehr der Annehmlichkeit des Fleisches muss man sich für das Gemüt widmen, sondern auch der Seele, wie da sind Aufopferungen, Stimmungen, Trostworte und die Gemeinschaften guter Menschen. Hierin hat uns anderen die hl. Elisabeth ein Beispiel gegeben."(..)

Weiterführendes Schrifttum (Auswahl)

Quellen

Die Aussagen der vier Dienerinnen. [Libellus in dt.]. - In: Maresch, Maria: Elisabeth von Thüringen. - Bonn 1931. - S. 185-205

Die Chroniken des Wigand Gerstenberg von Frankenberg/Bearb.: Hermann Diemar. - (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck. 1. Bd.). - Marburg 1909

Cronica Reinhardsbrunnensis/Ed.: O.[swald] Holder-Egger. - In: Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. Bd. 30. Teil 1. Hannover 1896. - S. 490-656

Hessisches Urkundenbuch. 1.Abt. 1.Bd./Hrsg.: Artur Wyss. - Leipzig 1879

Huyskens, Albert: Quellenstudien zur Geschichte der Hl. Elisabeth, Landgräfin von Thüringen. - Marburg 1908

Huyskens, Albert: Der sog. Libellus de dictis quatuor ancillarum s. Elisabeth confectus. - Kempten und München 1911

Das Leben der heiligen Elisabeth. Von einem unbekannten Dichter aus dem Anfang des 14. Jahrhunderts/Hrsg.: Manfred Lemmer. - Berlin (1961)

Das Leben der heiligen Elisabeth/Hrsg.: Max Rieger. - (Bibliothek des Literarischen Vereins in Stuttgart. 90). - Stuttgart 1868

Das Leben des hl. Ludwig, Landgrafen in Thüringen, Gemahls der hl. Elisabeth. Nach der lateinischen Urschrift übersetzt von Friedrich Köditz von Saalfeld/Hrsg.: H. Rückert. - Leipzig 1851

Leben und Legende der heiligen Elisabeth. Nach Dietrich von Apolda. Mit 14 Miniaturen der Handschrift von 1481/Übersetzung: Rainer Kößling. - (Insel-Bücherei Nr. 1172). - Frankfurt/Main, Leipzig 1997

Lemmens, Leonhard: Zur Biographie der heiligen Elisabeth, Landgräfin von Thüringen. - In: Mitteilungen des historischen Vereins der Diözese Fulda. 4(1901). – S. 1-24

Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae/Hrsg.: Otto Dobenecker. - Bd. 2 (1152-1227). - Jena 1900; Bd. 3 (1228-1266). - Jena 1925

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