Die Runneburg in Weißensee
Der Kunstführer Dehio beschrieb die Runneburg 1905 noch etwas vage mit: „Geringe Reste einer anscheinend reichen romanischen Anlage.“ Einzeluntersuchungen im 20. Jahrhundert bestätigen
aber, dass es sich bei den Gebäuden sowohl nach kunst-, als auch nach architekturhistorischer Bewertung um einen der bedeutendsten romanischen Profanbauten Deutschlands handelt. Vor allem die systematische Bauforschung und die archäologischen Entdeckungen der letzten zwei Jahrzehnte konnte diesen Befund verifizieren. Sie entdeckten die Runneburg als herausragendes Denkmal hochmittelalterlicher Adelskultur.
Um sich die Runneburg vorstellen zu können, lohnt sich noch einmal ein Blick in die ebenfalls von den Thüringer Landgrafen errichtete Wartburg. Die in ausgesetzter Gipfellage errichtete, l
anggestreckte Anlage teilte sich ja ursprünglich in eine Vor- und Hauptburg. An den Schmalseiten der Hauptburg wiederum standen zwei Bergfriede: dem nördlichen war ein Wohnhaus angelehnt, dem südlichen der prächtige Palasbau. Dieser übertraf in seinen Ausmaßen den Saalbau der Runneburg zwar um einiges, insgesamt lässt sich eine deutliche strukturelle Verwandtschaft feststellen. Der Runneburger Palas kann, gerade bezüglich der Fassadengestaltung, durchaus mit der Wartburg verglichen werden; etwa, wenn man die Gangarkaden auf der Hofseite mit ihrer ausgewogenen Doppelgruppe aus Tür- und Fensteröffnungen betrachtet – oder die symmetrisch übereinander gruppierten Fensterreihen einschließlich der Bauornamentik und der wunderbaren Kapitellplastik. Insgesamt hat man den Eindruck, dass auf der Runneburg in ständiger Reflexion des Wartburgpalas gebaut wurde.
Landgraf Ludwig II. der Eiserne wurde bereits kurz nach seinem Tod Ludwigs I. (1140) mit der Landgrafschaft belehnt. Zehn Jahre später heiratete er Jutta Claricia, eine Halbschwester Friedrich Barbarossas. Der Landgräfin Jutta ist auch die erste Erwähnung der Burg Weißensee zu verdanken. (Der Name Runneburg hat sich erst im 19. Jahrhundert durchgesetzt). Als Landgraf Ludwig, so der Reinhardsbrunner Chronist, sich auf den Hoftag in Regensburg im Jahr 1168 mit Heinrich dem Löwen aussöhnte, begann die Landgräfin Jutta, am Weißen See eine Burg zu bauen, gleich einem Lustgärtlein. Sie wollte dort eine „Herberge“ zwischen den Grenzfesten Wartburg und Neuenburg bei Freyburg gründen. Und tatsächlich entwickelte sich die „Herberge“ zu einer der großartigsten pfalzähnlichen Anlagen der Thüringer Landgrafen.
Die weitläufige Anlage thront auf einen unregelmäßig gerundeten Gipssteinplateau an der Nordwestecke der mittelalterlichen Stadt. Archäologisch nachgewiesen wurde inzwischen eine Wallanlage aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, die – durch Steinmauern verstärkt – bis Mitte des 13. Jahrhunderts zu einer äußerst wehrhaften Burg mit mehreren Türmen ausgebaut wurde. Der von Palas, Wohnturm, Marstall, sowie Wagen- und Torhaus umschlossene Hof ist wahrscheinlich mit der hochmittelalterlichen Kernburg identisch. Die Nordostecke des Palasbaus ist turmartig vorgezogen und wurde irreführenderweise als „Torkapellenturm“ bezeichnet; eine Kapelle konnte aber bisher in der Burg nicht nachgewiesen werden.
Weitere Bauaktivitäten konnten für die Jahre 1447-54 dendrochronologisch aufgezeigt werden. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts gab es offensichtlich einen tief eingreifenden, nachmittelalterlichen Umbau des Palas, der nun (unter gravierenden Verlusten an der ursprünglichen Bauplastik) das gegenwärtige Aussehen erhielt. Es wurden kleinere Innenräume für Wohnzwecke geschaffen und das Torhaus errichtet. 1726 kam noch das Wagenhaus hinzu. Die mittelalterlichen
Bauten innerhalb des Berings sind heute bis auf denn Palas, Wohnturm und Marstall verschwunden. Sie mussten 1993 gesichert werden. Der stark gefährdete Wohnturm mit seinen 3,6 Meter dicken Mauern wurde durch eine provisorische Stahlkonstruktion stabilisiert. Innerhalb des Gebäudes blieben eine romanische Treppenanlage sowie Säulen und Kapitelle im Erdgeschoss erhalten. Bei Grabungen vor dem Palas wurde außerdem deutlich, dass dem Turm nach Norden ein kemenatenartiges Gebäude vorgesetzt war. In diesem Bau fand man eine qualitätsvolle, in mittelalterlichen Burgen um 1200 äußerst seltene Heizungsanlage . Neben der Heizung legte man einen 27 Meter tiefen romanischen Brunnen frei. Er enthielt hochwertige mittelalterliche Gebrauchsgegenstände. So wurde beispielsweise eine gedrechselte hölzerne Weinkanne gefunden, die auf einer Abbildung der Manessischen Liederhandschrift zu sehen ist.
Ein besonders edles Relikt der Bau- und Kapitellplastik ist die im Erdgeschoss des Palas gefundene „Astsäule“, die aber keinesfalls ursprünglich hier stand. Der Säulenschaft ist mit stilisierten Astansätzen verziert und von einem exzellenten Weinrankenkapitell bekrönt. Als einzige Säule dieser Art nördlich der Alpen ist sie ein echtes Meisterwerk staufischer Baukunst. Im zweiten Geschoss wurde (neben einer romanischen Doppelarkade) noch eine schwarze Marmorsäule aus belgischem Kohlekalk gefunden. Diese Relikte sind ein sicheres Indiz für den hohen Anspruch
an die Bau- und Lebenskultur im Spätmittelalter, die ein direktes Spiegelbild des höfischen Alltags der reichsfürstlichen Burganlage widergeben.
Die Runneburg hat im Laufe ihrer Existenz eine Reihe von Eingriffen hinnehmen müssen, die nicht zuletzt auf eine Verkennung ihrer Bedeutung und des tatsächlichen Alters ihrer historischen Substanz zurückzuführen sind. Die in Unkenntnis von Geschichte und baulichem Bestand vorgenommenen Veränderungen an der Anlage wirkten sich auch für den Erhalt des Denkmals verheerend aus. Trotz mancher Bemühungen auch kleinerer Baumaßnahmen der letzten Jahrzehnte war es bis zur Übergabe der Anlage an die „Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten“ im Jahr 1996 nicht gelungen, das Gebäude in einen standsicheren Zustand zu bringen.
Die Wiederentdeckung ihrer Bedeutung als Landgrafenresidenz sowie die Aufarbeitung einer Reihe hochinteressanter Funde und Befunde auch mit dem Engagement des „Runneburgvereins“ lassen die Runneburg zu einer der großartigsten Burganlagen im Thüringer Kernland werden.